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Elina Garanca – So klingt Glück

Freitag, 27. Juni 2014 | By | Category: Top News

In ihrem neuen Album Meditation erkundet Elīna Garanča, zusammen mit Karel Mark Chichon, der Deutschen Radio Philharmonie und dem Latvian Radio Choir, zwischenweltliche Klänge – von Gregorio Allegri und Wolfgang Amadeus Mozart, von Charles Gounod, Georges Bizet, Giacomo Puccini und Pietro Mascagni bis zu Gegenwartskomponisten wie William Gomez, Pēteris Vasks und Uģis Prauliņš.

Garanca - PHOTO CREDIT © Paul Schirnhofer / DG

Elina Garanca – PHOTO CREDIT © Paul Schirnhofer / DG

Und vielleicht gehören jene Augenblicke, in denen der Himmel die Erde küsst, ja tatsächlich zu den größten Herausforderungen für einen Musiker: die Beschreibung des magischen Zustandes absoluter Schwerelosigkeit, der überirdische Klang der Musik, in dem sich Zeit und Raum auflösen in einem Moment der Ergriffenheit.

»Natürlich finden viele Komponisten diesen wunderbaren, jenseitigen Zustand oft in der geistlichen Musik«, erklärt Elīna Garanča, »aber es geht eben nicht immer nur um die Nähe zu Gott. Eher um die Seele an sich. Komponisten wie Uģis Prauliņš finden die innere Ruhe nicht in der Religion, sondern in der Welt der Folklore, der Elfen, der magischen Naturfiguren.« Genau diese Vielfalt der menschlichen Hoffnung interessiert die Sängerin: »Die Sehnsucht des Menschen nach Zufriedenheit, Trost und Seelenheil. Auf unserem Album folgen wir diesem Wunsch nach Glück, durch unterschiedliche Zeiten und an verschiedenen Orten.«

Der musikhistorische Anfangspunkt ist Gregorio Allegris flehendes Miserere. Allegri war ab 1629 Sänger der päpstlichen Kapelle von Papst Urban VIII. Er verstand es, in seinen Kompositionen Klänge zum Schweben zu bringen. Und er hinterließ mit seiner Musik eine große Wirkung. Zu seinen Anhängern gehörten Goethe und Mendelssohn. Natürlich singt Elīna Garanča auch ein Stück von Mozart, dem Meister zwischen Himmel und Erde. In seinem Laudate Dominum wird klar, warum Albert Einstein einst schwärmte: »Mozarts Musik ist so rein und schön, dass ich sie als die innere Schönheit des Universums selbst ansehe.«

Elīna Garanča interessiert sich in ihrem neuen Projekt aber auch für die Spannung zwischen Kirche und profaner Welt, zwischen Göttlichem und Menschlichem, Körper und Geist. »Mir ging es darum, in all den verschiedenen Werken neue Facetten meiner Stimme zu entdecken«, sagt sie. »Nehmen Sie zum Beispiel die Musik von Mascagni, er benutzt ein gewaltiges Ensemble: großes Orchester, die Orgel, einen großen Chor, Solisten. Das ist pure Energie. Zum einen speist sie sich aus der Religion, zum anderen aber auch aus theatraler Dramatik. Es ist quasi eine Oper in der Kirche.«

Keine leichte Aufgabe für den Dirigenten Karel Mark Chichon: »Es ist eine Herausforderung, die einzelnen Gruppen zusammenzubringen, um eine wirkliche Welteinheit im Klang zu erreichen«, sagt er. »Diese Musik, die purer Geist sein kann, muss mit vollem Körpereinsatz gemacht werden.« Ähnlich opulent kommen Gounods stimmlich schwebendes Sanctus oder das Repentir daher oder Bizets düsteres Agnus Dei. Vollkommen intim dagegen ist Puccinis von der Orgel begleitetes Salve Regina.

Es sind viele persönliche Ideen und Erlebnisse der beiden Musiker in dieses einzigartige Projekt eingeflossen. Chichon ist seit seiner Kindheit durch die Kirchenmusik geprägt, Elīna Garanča durch das Singen im Chor. »Bei so einem persönlichen Album ist es natürlich hilfreich, wenn man sich gut kennt«, sagt der Dirigent. »Oft geht das bei uns ohne viele Worte. Wenn Elīna etwas sagt, weiß ich in der Regel genau, was sie meint – und wir nähern uns einander in der Musik an.«

Diese privaten Momente spiegeln sich in Meditation. Der Gitarrist und Komponist William Gomez etwa war ein guter Freund von Chichon. Er hatte sich nach seiner erfolgreichen Karriere nach Gibraltar zurückgezogen. Als dort bei ihm Krebs diagnostiziert wurde, begann er wieder zu komponieren – sein letztes Werk: ein Ave Maria. Sechs Monate später, am Tag der Uraufführung, erlag der Komponist seiner Krankheit, ohne das Stück je gehört zu haben. »Das ist für uns mehr als Musik«, sagt Elīna Garanča, die ihre Stimme in diesem Werk zwischen großen Legatobögen und leisem, innerem Summen hin und her pendeln lässt. »Da schwingen persönliche Erinnerungen mit.«

Das gleiche gilt für das Stück Dievaines von ihrem Landsmann Uģis Prauliņš, das ursprünglich für 12 000 Choristen geschrieben wurde und das nun in einer exotischen Orchesterversion mit Gitarre und tin whistle zu hören ist. »Es war uns wichtig, dass dieses Geflüster der Elfen auf der einen Seite klassisch klingt, auf der anderen aber rustikal und so, als würde es aus der Erde kommen«, erklärt der Dirigent. »Es ist ein fantastisches Werk, das von der Dunkelheit ins Licht führt und einen ursprünglichen Optimismus feiert.« Eher aus der kirchlichen Tradition kommt der andere lettische Komponist dieses Albums, Pēteris Vasks. Der Sohn eines Pfarrers gehört zu den bekanntesten Musikern seiner Heimat, auch weil er versucht, die Musik als Bindeglied zu nutzen, zwischen der Hoffnung des Himmels und den Leiden der Opfer der Sowjetherrschaft auf Erden.

»Die Arbeit«, sagt Elīna Garanča, »war wie ein Sog: Wir hatten eine Vorstellung, haben ein Programm entwickelt und versucht, uns auf jedes neue Stück, auf jede Zeit und auf jede Geschichte zu den einzelnen Werken einzustellen.« Herausgekommen ist eine Suche nach dem Glück der Seele – im großen klassischen Repertoire ebenso wie in den abenteuerlichen Nischen der Musikgeschichte. »Letztlich ist diese Aufnahme für mich auch eine Bestandsaufnahme in eigener Sache«, sagt die Sängerin. »Ich steuere auf die 40 zu. Und in diesem Alter schließt man ein bestimmtes Kapitel im Leben ab. Die Musik, die ich hier singe, scheint für mich die logische Konsequenz am Ende dieses Kapitels: ein ruhiges, zufriedenes Innehalten.«

Quelle: Universal Music

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