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Adia Victoria – Biografie

Sonntag, 17. Februar 2019 | By | Category: Biografie

Als Adia Victoria kürzlich live auftrat, machte der Ansager den Fehler, sie als Americana-Künstlerin vorzustellen. Victoria beugte sich zum Mikrofon und korrigierte: „Adia Victoria singt nicht Americana, Adia Victoria singt den Blues“. Und ließ sodann ihre Gitarre und ihre kraftvollen Texte für sich sprechen. Nach einer selbstveröffentlichten Single, die ihr die Aufmerksamkeit von Rolling Stone und weiteren einbrachte, schillerte und verblüffte sie mit ihrem ersten Studioalbum Beyond the Bloodhounds weiter.

Adia Victoria - Credits: WMG

                       Adia Victoria – Credits: WMG

Das Album bezieht seinen Titel aus Incidents in the Life of a Slave Girl von Harriet Jacobs. Ganz so wie Jacobs versuchte, außer Reichweite der Bluthunde ihrer Herren zu kommen, gelangt auch Victoria stets jenseits der oberflächlichen Auffassungen dessen, wie eine schwarze Künstlerin auszusehen und zu klingen hat.

Anstatt dem Vorbild der Menschen in ihrer Umgebung zu folgen, die von der White Supremacy, Armut und Unterdrückung im ländlichen South Carolina ausgelaugt waren, wo sie aufwuchs, formte Victoria ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen. Sie schmiss die Schule und machte eine Reihe merkwürdiger Jobs. Mit 18 ging sie nach Paris, lebte anschließend eine Zeit in Brooklyn sowie Atlanta und ist nun in Nashville beheimatet.

Victoria ist eine Universalgebildete, die Ballett und Schauspiel erlernte, Poesie schrieb und schließlich im Blues ihre Heimat fand.

Den Ausschlag gab eine Akustikgitarre, die ein Freund ihr in die Hand drückte. „Ich verliebte mich komplett in das Üben, die Diszipliniertheit des Lernens. Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich fähig, etwas zu Erlernen und darin Fortschritte zu erzielen.“ Victoria zufolge war diese Tätigkeit ein Lebensretter. „Ich weiß nicht, ob ich noch am Leben wäre, wenn ich nicht darauf gestoßen wäre. Wenn ich dieses Ventil nicht gefunden hätte, um mich auszudrücken. Vermutlich im Gefängnis oder tot.“

Die Touren, Pressearbeit und enormen Erwartungen im Gefolge von Beyond the Bloodhounds hätten bei manch einem Künstler wohl dazu geführt, sich erst einmal auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Nicht so Victoria, die zwei kurze Alben veröffentlichte, die die enorme Spannweite ihres Talents und ihres Wissensdurstes aufzeigen. How It Feels ist ein kurzes Album in französischer Sprache, auf dem sie französische Popklassiker mit den Ecken und Kanten einer Bluesfrau versieht, auf der EP Baby Blues begibt sich Victoria zurück zu ihren Wurzeln und covert drei Blues-Songs, die sie früh inspirierten.

Nur zwei Jahre nach Beyond the Bloodhounds kehrt Adia Victoria mit ihrem zweiten Studioalbum Silences zurück. Nachdem sie sich eine Saison lang mit anderen befasst hatte in dem Versuch, ihre Kunst und ihr Künstlertum zu definieren, zu beanspruchen und zu benennen, kehrte sich Victoria nach innen. „Als ich nach Hause zurückkehrte, stellte ich fest, dass die Sache, die mich am meisten störte, das Fehlen von Aktivität war. Mich wieder mit mir selbst auf einer intimen Ebene zu beschäftigen.“

Lesen und Literatur halfen ihr dabei, ihren Weg zurück zu finden. Der Titel des Albums stammt aus Tillie Olsens Silences, das sich mit den unzähligen Arten beschäftigt, wie die Geschichten unterdrückter Menschen über Jahre zum Verstummen gebracht wurden und diese trotz der Nichtbeachtung weiter kreativ blieben. „Ich habe mich mit dem Schreiben dieses Albums so schwergetan wie noch nie zuvor. Ich habe meine Freiheit und meine Zeit mit mir selbst vermutlich als zu selbstverständlich genommen und hatte das Gefühl, mir sei etwas entrissen worden. Und dass ich keine Stimme mehr hatte. Dieses Album war die Therapie, die ich brauchte, um diese Stimme wiederzufinden, die zum Schweigen gebracht worden war.“

Und so finden wir auf Silences eine Stimme vor, die aus voller Kraft ruft. Der Hörer wird in eine voll ausgebildete Welt geschmissen, die mit einer verdrehten Schöpfungsgeschichte beginnt. „Clean“ erinnert an die Geschichte des Garten Eden, doch anstatt nach Gottes Urteil in ihrer Scham zu vergehen, erklärt unsere Protagonistin, dass „First of all / There is no God / Because I killed my God”. Dieser mutige Akt flößt ihr „The kind of calm I hope to keep” ein. Jeder, der Geschichten oder das Leben studiert, weiß: dies kann nur der Anfang sein. Eine so tiefe Gelassenheit muss sich entlang des Weges verdient werden.

Silences ist in seinem Herzen die mythische Reise einer Frau, die zurück zu sich selbst findet. „Es ist einfach eine Menge, was diese Figur von vorhergehenden Unterdrückungen ausleben muss. Du wurdest kleingehalten, du wurdest erstickt und sie erreicht die Belastungsgrenze. Von diesem Punkt aus schickt das Album seine Protagonistin in die Welt, wo sie sich in den Uptempo-Rocksongs „Pacolet Road” und “Different Kind Of Love” mit dem Teufel und ihren eigenen Erwartungen für ihr Leben trifft. Im nächsten Abschnitt finden wir eine Frau vor, die eingeschüchtert und versehrt ist, doch immer noch entschlossen. Als wir „The Needle’s Eye” und „Cry Wolf” erreichen, hat sie sich in unten in der Dunkelheit des Lebens bereits einiges an Mündigkeit erarbeitet. Auf Silences thematisiert Victoria seelische Erkrankungen, Drogenabhängigkeit, Sexismus und all die Dinge, die den Leben von Frauen bei dem Versuch habhaft werden wollen, eine Welt nach ihren Vorstellungen zu formen.

Das Album schließt mit „Get Lonely“, eine schwermütige, eindringliche Ballade, die unsere Heldin flehend anstimmen könnte, um mit einem Liebhaber „gemeinsam einsam“ zu sein. Genauso gut jedoch könnte sie es beim Blick in den Spiegel jener neuen Frau einschärfen, zu der sie entlang ihrer Reise gefunden hat: Halte inne und staune über all das, was du erschaffen und durchgestanden hast.

Ganz so, wie Victoria ganz bewusst die Art von Leben kreiert hat, das sie leben will, gilt dies auch für ihre Wegbegleiter. „Die Band hat sich ähnlich oft verändert wie Destiny’s Child seit ihrem ersten Album, um die perfekte Zusammenstellung zu finden. Und ich denke, dass ich sie endlich gefunden habe“. Victorias Jungs sind Mason Hickman (Lead-Gitarre), Jason Harris (Bass), Peter Eddins (Tasteninstrumente), Timothy Beaty alias Knapps (Drums), Chazen Singleton (Blasinstrumente) und Austin Wilhote alias Willé (Blasinstrumente). „Nein. Es ist das höchste Gut, das ich habe. Ich habe jetzt eine Gruppe von Jungs, die seit einer Weile an meiner Seite sind und mir das Vermögen und den Raum geben, sie zu befehligen, zu leiten. Sie glauben an mich.“

Als die Zeit gekommen war, Silences mit Aaron Dessner von The National aufzunehmen, der bereits Alben für Sharon Van Etten, Frightened Rabbit, Mumford & Sons, Local Natives und weitere produziert hat, war Victoria zunächst zögerlich. „Ich will meine Kunst für dich öffnen, aber ich war sehr, sehr vorsichtig. Dann jedoch stellte ich fest, dass er als Mensch und Künstlerkollege eine Wärme und ein Verständnis und einen Respekt hat, wie man es in dieser Branche nicht oft erlebt. Er öffnete sein Haus und sein Studio für mich und die Jungs und es war, als gäbe es kein Ego. Wir hatten einfach die Freiheit, zu experimentieren und erledigten gemeinsam die Arbeit.“. Dessner selbst merkt an: „Mir wurde direkt von Anbeginn unserer Kollaboration klar, dass Adias Vision für dieses Album einen in sich stimmigen und ganz bestimmten Erzählstrang hatte.

Es war unglaublich bereichernd, bei der Umsetzung behilflich zu sein. Die substantielle Natur ihres Songwritings und die Stärke ihrer Texte haben uns tatsächlich durch den gesamten Aufnahmeprozess geleitet. Jeder Sound und jede Richtung, egal ob subversiv, experimentell oder zum Groovigen tendierend, standen im Dienst ihrer übergreifenden Vision und des Textes. Unter dem Strich ist das Album sowohl eine unglaublich persönliche Geschichte von Adias Reise als auch ein kraftvolles, allgemeineres Statement des Widerstands.“

Quelle: WMG

 

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