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Muse – Biografie

Mittwoch, 5. September 2012 | By | Category: Biografie

Muse haben nicht wieder neu begonnen, um das ambitionierteste Werk in ihrer Karriere aufzunehmen. Wie hätten sie das auch tun sollen? Die Band, die sich „Spermassive Black Hole“ ausdachte, „Knights of Cydonia“ und die dreiteilige „Exogenesis“-Symphonie, war schon immer gut darin, ein bisschen lauter zu sein. Ein wenig mehr. Noch wilder, noch weiter draußen, und Muse würden es riskieren, in ihrer eigenen, selbst kreierten Sternschnuppe zu verglühen.

Muse

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Und doch wird man nicht zu einer der größten Bands des Planeten – in Zahlen: 15 Millionen verkaufte Alben weltweit, fünf MTV Europe Awards, zwei BRIT Awards, acht NME Awards, fünf Q Awards, vier Kerrang Awards und Gewinner des Grammy 2011 für das beste Rockalbum; Platz 1 in 19 Ländern mit ihrem 2009er-Album „The Resistance“; ausverkaufte Arenen und Stadien rund um den Globus – wenn man einfach auf seinen Händen sitzt.

Als Muse also damit begannen, ihr sechstes Studioalbum aufzunehmen, verließen sie sich diesmal nicht nur auf all die Chöre, Streicher und Bläsersätze. Und seien Sie versichert: Der Gitarren-zerlegende, Piano-hämmernde, Orchester-arrangierende, Buch-fressende, groß denkende Matt Bellamy hat, als Chefsongwriter der Band, seine Sicht auf das große Bild und all die kleinen kostbaren Details keineswegs verengt. Obendrein hatte die Band keine Angst davor, ihren Sound durch ein brillantes neues Element anzureichern: Songs, die geschrieben und gesungen wurden von Bassist Chris Wolstenholme.

Was diese in Devon gegründete Band ehemaliger Schulfreunde indes anders gemacht hat als früher: Sie haben es sich selber leichter gemacht. Zum ersten Mal seit den Frühtagen ihrer Karriere in Englands Hinterland vor 18 Jahren wohnten alle drei Mitglieder am gleichen Ort, während sie am Album saßen. Untergebracht in und um London herum, blockten sie ein Aufnahmestudio – Air – und kamen und gingen, wie es ihnen gefiel.

Die einzige Uhr, die Muse dabei dieses mal im Auge haben mussten, war ihre eigene, die den inneren Bandrhythmus bestimmt. Sie hatten die Tage, Wochen und den Raum zum Experimentieren, um Ideen auszuprobieren, massive Studio-PAs aufzubauen, Remixer anzumieten, mit Pedalen herum zu spielen und ganz um ihre inneren Herzensangelegenheiten zu kreisen.

Obendrein hatten Muse, geboren aus den Erfahrungen mit dem selbst produzierten „The Resistance“, die Gelegenheit, all ihr Studio-Wissen auf ihre Musik anzuwenden, um exakt das Album aufzunehmen, das sie wirklich machen wollten.

Alles drehte sich darum, Kraft zu sparen und Energie zu konservieren. Und, naheliegenderweise, um „The 2nd Law“, das zweite Gesetz: Ein Album, das benannt wurde und thematisch beeinflusst ist durch das Zweite Gesetz der Thermodynamik, das die unvermeidliche Verschwendung von Energie innerhalb eines geschlossenen Systems beschreibt.

Es ging darum, gemeinsam loszulassen und sich gemeinsam aneinander zu erfreuen. Nach allem, was sie bereits geleistet haben, hatten sich Muse das verdient.

„Wir hatten alle riesig viel Freude daran, dieses Album zu machen“, sagt Chris Wolstenholme, „und hoffentlich kann man das auch auf dem Album hören. Es gibt Momente sehr großer Positivität in den Songs. Und ich denke, dass jeder von uns sich persönlich in einem extrem guten Zustand befindet dieser Tage.“

„Es fühlt sich an wie das Beste, was wir je gemacht haben“, sagt Drummer Dom Howard. „Es gab ein großes Moment des Abenteuers, während wir daran saßen.“

„Es war reiner Rückenwind“, erklärt Bellamy, noch immer high durch die Erfahrung, mit dem opernhaften neuen Song „Survival“ eine siegreiche Hymne zu den Olympischen Spielen in London beigesteuert zu haben. „Wir haben zuweilen regelrecht darüber gelacht, wie anders manche Sachen klingen, verglichen mit früheren Phasen.“

Wie Dom Howard richtig beschreibt, strahlt „The 2nd Law“ durch einen Haufen geradezu wilder Sounds. Es ist genau das, was Muse im Kopf hatten, als sie sich im vergangenen Oktober zusammen setzten, nachdem sie ihre zweijährige „Resistance“-Welttournee beendet hatten. Innerhalb vier kurzer Wochen verfügte das Trio über 13 zwar noch embryotische, aber vielversprechende Songs.

Aus diesen soliden Anfängen erwuchsen grandiose Tunes. „Madness“, die erste, fraglos infektiöse Single des Albums, pulsiert durch Grime-artiges Pochen. Sie klingt überhaupt nicht nach Muse und zugleich in jedem Detail wie Muse.

„Ich wollte etwas extrem Minimalisiertes machen“, erklärt Bellamy. „Im Prinzip handelt es sich dabei um einen Twelve-Bar-Blues. Meiner Meinung nach ist dies vielleicht der beste Song, den ich jemals geschrieben habe. Ganz sicher aber einer der persönlichsten Songs meiner Laufbahn. Es geht darin um diesen Moment, in dem man Streit mit seiner Freundin hat, sie verlässt das Haus, und du wirst zurück geworfen auf dich selbst, um über dein Verhalten nachzudenken. Und plötzlich weißt du: ‚Verdammt! Sie hat Recht! Natürlich hat sie Recht!’“

Wolstenholme weiß alles über persönliche Songs. Er hat zwei eigene Lieder zu „The 2nd Law“ beigesteuert: „Save Me“ und „Liquid State“. Das erste ist inspiriert durch seine All-Time-Lieblingsband, die Beach Boys, das zweite ist ein Raketen-betriebener Boogie.

„Wir haben zwei bis drei Alben gemacht, hinter denen eine Art globales Konzept stand. Und ich finde, es ist angenehm, das alles mal etwas zurück zu nehmen und etwas zu schreiben, das nur aus einem selbst kommt. Was zuweilen durchaus hart sein kann, denn wenn man es genau nimmt“, lacht Wolstenholme, „stellt man damit seine innersten Emotionen vor der ganzen menschlichen Rasse aus.“

Bellamy gesteht, dass auch „Big Feeze“ ein persönliches Stück über zwischenmenschliche Beziehungen ist. Doch vermutlich ist das Charakteristischste daran, was Howard enthusiastisch als „den großen 80s-Sound“ feiert. „Für mich ist dieser Song nahe an dem, wie wir auch live klingen. Mit der vollen Power, direkt ins Gesicht, schwer und strahlend.“

„Der Song klingt fast wie INXS oder etwas Ähnliches“, ergänzt Wolstenholme, „mit dieser dicken, gegateten Snaredrum. Mir ist schon klar, dass manche Leute diesen Sound etwas billig finden werden, aber damals war das etwas völlig Neues, es war unüblich und frisch. Danach gab es eine längere Phase, wo diese Sounds sehr überholt klangen, aber genau deshalb wollten wir sie verwenden und sie wieder ein Stück weit modern machen. Deshalb gibt es auch einen gewissen U2-Einfluss hier und da – all diese Dinge ineinander zu blenden, sie aber gleichzeitig eben so klingen zu lassen, dass man hört, dass sie 2012 aufgenommen wurden.“

Der Album-Opener „Supremacy“ war einer der ersten Songs, an denen Muse die Arbeit zum aktuellen Album ausprobierten. Bellamys erste Skizze des Songs hatte Wolstenholme „unmittelbar, weil sie einfach überall zugleich ist. Der Song beginnt und du denkst, das wird eine dreckige grungy Metal-Nummer“, grinst er. „Wenn man dann zur Strophe kommt, verschiebt es sich in reinste Filmmusik. Damals sagte ich zu Matt: Das erinnert mich an die Wings.“

„Wir bauten Schichten um Schichten von Snare-Drums“, ergänzt Howard. „Es gab Tonnen von Pauken und Basstrommeln und verrückter Percussion. Die Idee war, das es klingen sollte wie eine Marching Band, die über einen Hügel auf dich zukommt, gleich hinter dem Orchester. Und dann wechselt es in eine ausgefreakte ‚Live And Let Die’-Sektion in der Mitte. Das fühlte sich vollkommen anders an als alles, was wir bislang gemacht hatten“, setzt er fort. „Wir wollten, dass es klingt wie ein riesiger, massiver Live-Stadion-Rock-Track. Genau so dachten wir, als wir den Song aufnahmen – wir bauten eine riesige PA auf, der ganze Raum wackelte aufgrund dieses massiven Schlagzeug-Sounds. Und dann geht die Strophe mit ihrem Riff auf eine vollkommen andere Reise – ein kleiner Wink in Richtung unserer Ennio Morricone-Leidenschaft, die man auch schon auf ‚Knights of Cydonia’ hören konnte.“

Filmsoundtracks, erklärt Bellamy, sind schon seit langem ein weithin unterschätzter Einfluss auf seine Art des Songwritings. Auf „The 2nd Law“ trifft dieser Enthusiasmus auf seine Liebe zu klassischer Musik. Auf früheren Muse-Alben waren seine orchestralen Ausflüge inspiriert durch Rachmaninoff und Berlioz. In diesem Fall kamen die Einflüsse eher durch zeitgenössische Hollywood-Komponisten wie Hans Zimmer und John Williams.

Ich liebe diese großen Sounds in verrückten, Action-geladenen, epischen Sci-Fi-Filmen“, sagt Bellamy. Die Ergebisse dieser Leidenschaft äußern sich auf zweifache Weise. Zum einen verbrachten Muse drei Wochen in Los Angeles, um mit den Speerspitzen der ansässigen Filmmusiker und –Chöre zusammen zu arbeiten; angeheuert, betreut und arrangiert durch David Campbell, aka der Vater von Beck Hansen. Zum zweiten schrieb Bellamy eine zweiteilige Suite, um das Album zu beschließen: „Unsustainable“ und „The 2nd Law: Isolated System“, welche er selber als „eine Art Film-Soundtrack“ beschreibt. Auch hier spielte Campbell eine tragende Rolle, indem er die von Bellamy geschriebenen Passagen für das Orchester transkribierte.

Dieses zweiteilige Album-Ende demonstriert einen weiteren ohrenöffnenden Umweg für Muse. „Ich mag es, beim Spielen mit dem Moshpit zu gehen“, lächelt der geborene Teilzeit-Showman Bellamy. „Heutzutage sieht man allerdings ziemlich häufig einen Typen, der auf der Bühne einen Laptop aufbaut, und das war’s. Ähnlich verhielt es sich mit der Herausforderung bei ‚The 2nd Law’: ‚Unsustainable’ sollte ein Song dieser Art werden, allerdings ausschließlich eingespielt von echten Instrumenten – eine organische Version all dieser neuen elektronischen Genres, die man nun überall hört.“

Es gibt noch mehr von dieser digitalen Rock-Revolution – in „Follow Me“ etwa. Es klingt, als ob Justice von Giorgio Moroder produziert wurden. Tatsächlich startete der Song, sagt die Band selber, im Demostadium wie die Arbeiterklassen-Version einer dreiköpfigen Rockkapelle. Aber im Kontext der neuen Muse-Ethik des ‚nimm das alles weg und lass uns neu beginnen’, in ihrer kecken bandeigenen Ambition entschieden sie sich für einen gänzlich anderen Weg: ein Four-to-the-Floor-Beat hier, ein wenig Schlagzeug-Experiment dort…

„Bis wir uns dafür entschieden, den ganzen Weg zur Abstraktion zu nehmen und das Ding gleich remixen zu lassen“, erinnert sich Wolstenholme, wie es dazu kam, dass sie den gesamten Song abgaben und durch den Produzenten Nero komplettieren ließen.

„Wir waren total glücklich, dass wir uns aus der Gleichung dieses Songs vollkommen herausnehmen konnten“, nickt Bellamy. Wobei: So ganz stimmt das nicht. Denn „Follow Me“ ist der einzige Song, der unmittelbar beeinflusst wurde durch das glückliche Ereignis, dass der Sänger im vergangenen Jahr zum ersten Mal Vater wurde. Dieser Rhythmus am Anfang des Songs? Nichts anderes als die Aufnahme der Herztöne seines damals noch ungeborenen Sohnes.

Wenn es um das Schreiben der Lyrics geht, gab es, wie immer bei Matt Bellamy, sehr große und ganz kleine Themen, die er gern anpacken wollte. Der durchgeknallte Funk von „Animals“ begann als Jam und endet nun, in der aufgenommenen Version, mit einem Sample von brüllenden Wall-Street-Wertpapierhändlern. „Es ist der Song, der sich an die Fred Goodwins dieser Welt richtet“, ätzt Bellamy über den in Ungnade gefallenen britischen Banker. „Er erzählt über Menschen, die ihre ganze Taktik dazu einsetzen, ganze Länder zu ruinieren.“

Die Texte und Ideen hinter „Explorers“, ebenso wie die hinter dem zweiteiligen Titelstück, gehen hingegen stärker in die philosophische Richtung – zu Matt Bellamys Gedanken über die Ausbeutung der Energien und Ressourcen dieses Planeten. Gleichzeitig ergänzt er, dass sich die gesamte thermodynamische Theorie ebenso auf die Ebben und Fluten innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen anwenden lässt, wie man in „Big Freeze“ und „Madness“ nachhören kann.

Und doch unterstreicht Wolstenholme, dass „The 2nd Law“ weit davon entfernt ist, ein düsteres Album zu sein. „Es existiert sicher mancher negativer Zwischenton. Aber dabei geht es stets darum, wie die Menschheit auf diese Misstöne reagiert und wie man trotzdem zufrieden und zielgerichtet durchs Leben kommt. Und das ist doch etwas Positives.“

In jedem Fall nimmt sich ein Album, das sowohl „Survival“, ihre Po(m)p-and-circumstance-artige olympische Hymne, als auch einen Queen-sind-in-der-Disco-mäßigen Stampfer wie „Panic Station“ bereit hält, selber nicht zu Ernst. „Wir hatten keine Angst davor, etwas zu machen, das nur ein einfacher Dance-Track ist“, lächelt Bellamy über den letztgenannten Song, ein groovendes Biest, das mit einer Bläser-Sektion aufgenommen wurde, die ausschließlich aus klassischen Chicago-Musikern besteht (von denen einer wiederum sogar auf Stevie Wonders „Superstition“ mitgespielt hat).

„Das Album verfügt über eine Exzentrik, die viel Spaß gemacht hat“, bestimmt Frontmann Bellamy. „Ich glaube nicht, dass es sich selbst allzu Ernst nimmt, auch wenn manche der Lyrics dies durchaus tun. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass wir uns einen regelrechten Spaß aus diesem Album gemacht haben“, ergänzt er noch. „Die Stimmung war gelöst und locker, weitaus mehr als auf jedem Muse-Album zuvor. So viel ist sicher.

Quelle: WMG

 

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