RSS Feed abonnieren


My Chemical Romance – Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys

Sonntag, 14. November 2010 | By | Category: Biografie

Manchmal muss man alles einreißen, was vorher war, um wachsen zu können. Und, wenn man My Chemical Romance ist, muss man das beizeiten zwei Mal.

Die Band aus Jersey riss mit The Black Parade, ihrem Platin-verzierten, bombastischen und dunklen dritten Album, die Welt an sich – doch zwei Jahre ununterbrochenen Tourens hinterließen Spuren. Jeden Abend streifte sich die Band ihre einfarbigen Uniformen über. Show für Show schlüpfte Frontmann Gerard Way unter die Haut des Album-Protagonisten, dem kränkelnden, gehässigen „Patienten“. In jedem besuchten Land strömten Tausende Fans in die Stadien – doch mit ihnen kamen schreckliche Geschichten von gewaltsamen Auseinandersetzungen auf den Straßen der Stadt, von Verfolgung allein aus Gründen der falschen Kleidung und einer erklärten Leidenschaft für My Chemical Romance.

My Chemical Romance - Credits: Neil Krug

My Chemical Romance - Credits: Neil Krug

Als die Band ihren professionellen Höhepunkt erreicht hatte – eine Headliner-Show im New Yorker Madison Square Garden im Frühling 2008 –, war sie erschöpft. „Wir sahen die Welt. Und die Welt sah uns“, sagt Gitarrist Frank Iero. „Es war schön, aber zermürbend. Das war eine düstere Platte, um sie jeden Abend neu zu durchleben. Am Ende „war alles bitter und leer“, erklärt Gerard. „Das Album wurde zu der Zeit so missverstanden, dass ich glaubte, mich nur noch für Dinge entschuldigen und sie verteidigen zu müssen. Ich sprach für Kids, die Opfer von Hass-Verbrechen geworden waren. Nichts davon hatte mit Musik zu tun.“

Die Band machte auch außerhalb der Arenen Veränderungen durch. Die vier Kern-Mitglieder – Gerard, sein Bruder und Bassist Mike Way, und die Gitarristen Iero und Ray Toro – gingen auf die 30 zu, und alle hatten sie schon geheiratet oder standen kurz davor. The Black Parade – seine Dunkelheit, sein unerhörter Pomp – geriet zum siegreichen Kampf, doch intern war die Gruppe längst bereit für einen ganz anderen. „Ich war diese Person einfach nicht mehr“, sagt Gerard. „Ich glaube, keiner in der Band hatte mit ihr mehr etwas gemein. Wir sahen einfach aus wie ein paar Typen in Schwarz. Ein paar ziemlich müde Typen in Schwarz.

So wurde The Black Parade zur letzten Ruhe gebettet. Nur eben nicht mit einem ausladenden Begräbnis, ähnlich dem, das man ein paar Jahre zuvor in MCRs Durchbruchs-Video zu Helena erleben konnte. Nein, es starb plötzlich und ohne Feierlichkeiten. Gerard brach mit seiner Frau Lindsey und der gemeinsamen Tochter Bandit nach Los Angeles auf. Dort stürzte er sich ins Hollywood-Geschehen und arbeitete daran, seinen erfolgreichen Comic The Umbrella Academy auf die Leinwand zu bringen. „Jeder von uns musste wieder normal werden, ein menschliches Wesen“, sagt Mikey, der seine Zeit damit verbrachte, sich den viel publizierten Angstzuständen zu widmen, die ihn während der Black Parade-Tour plagten. „Wir haben alle gelernt, dass es okay ist, Dinge zu genießen. Du kannst lächeln. Du kannst Spaß haben und musst nicht permanent ein Miesmacher sein.

My Chemical Romance - Credits: Neil Krug

My Chemical Romance - Credits: Neil Krug

2009, als allen klar wurde, dass es wieder Zeit ist Musik zu machen, kehrte der alte Stress schnell zurück. Gerard stellte einen reaktionären Grundsatz auf: keine Konzepte, keine Kostüme. „Es sollte schnell, ohne Pomp und roh sein“, erklärt Mikey. „Ein Schlag in die Fresse, ohne Geschichten und Allegorien. Wie ein Komet – ein richtig schneller Schlag.“ Gerard und Ray tauschten inspirierende Mixtapes aus, auf denen sich der ursprüngliche Kraft-Rotz-Rock von Iggy And The Stooges befand, es entstanden Lyrics über Autos und Kung-Fu.

Der Sound war das Gegenteil von The Black Parade“, sagt Ray, „aber wir hatten mittlerweile dicke Wände hochgezogen: was wir tun können, wie es klingen sollte. Das schränkte die Band in allem ein, zu dem sie imstande ist. Wir gerieten in eine Art mechanischer Routine.“ Trotzdem entstand – wenn auch langsam – ein Album, und gemixt wurde es mit Brendan O’Brien. Erst dann, kurz vor Toresschluss, brach sich all der Zweifel und Frust Bahn, der unter den Aufnahmen gelauert hatte wie ein unwillkommener Gast. „Wir sagten uns immer wieder: ‚Lasst uns Spaß haben’“, sagt Mikey, „aber wir merkten nicht, dass es die ganze Zeit keiner war.“

Gerard sagt es frei heraus: „Wenn du bewacht wirst, während du Musik schreibst, wird die Musik nicht gut. Dieser erste Versuch eines Albums klang nach jemandem, der den Mund einfach nicht aufmachen will.“ Desillusioniert und deprimiert nahmen er und seine Frau sich nach Jahren den ersten Urlaub, um sich in die Wüste zurückzuziehen, die ihre neue Heimatstadt umgibt. Dort, zwischen den roten Felsen und Kakteen, inmitten dieser seltsamen, ursprünglichen Natur, die bedrohlich hinter den Stadtgrenzen einer menschengemachten Metropole lauert, gab Lindsey ihrem Ehemann Saures. „Sie sagte: ‚Sieh mal, du bist ein Künstler, und gerade versuchst du, kein Künstler zu sein’“, erinnert sich Gerard. „Ich startete die Band nach 9/11, als ich Kunst verabscheute. Black Parade drehte sich nur um Verstecken und Strafe. Ich konnte die Wahrheit nicht sagen, also sprach ich stattdessen über Krebs. Ich musste eine Maske aufsetzen, um den Leuten zu zeigen, wer ich wirklich war. Jetzt aber war es Zeit, etwas anzuerkennen. Der zu sein, der ich war, bevor es diese Band gab. Und ich hatte dazu etwas in der Hinterhand: diesen Song, Na Na Na.“

My Chemical Romance - Credits: Neil Krug

My Chemical Romance - Credits: Neil Krug

Zurück in Los Angeles im Januar dieses Jahres, fand sich die Band im Studio des Black Parade-Produzenten Rob Cavallo ein. „Na Na Na öffnete uns die Augen“, erinnert sich Ray. „Wir sind alle kreative Menschen, und Gerard ist noch zehn Mal kreativer als irgendwer sonst in der Band. Sein Gehirn feuert ununterbrochen. Das zu limitieren war das Schlimmste, was wir machen konnten. Es war wie einem Vogel die Flügel abzuschneiden.“ Der Song ist, in Gerards Worten, eine „Nagelbombe“: eine fast unverschämte Explosion all der Schrulligkeit, des Punchs und Kicks, der seit Jahren in der Band brodelte. Fort waren die dunkle Poesie, das Verhängnis, das Unheil. An ihre Stelle trat unverfälschte Ausgelassenheit. Batman wird namentlich erwähnt, es wird getanzt wie bei den Cheerleadern. Wer schon Zeit mit Gerard verbracht hat, kennt seinen Hang zum bösen Humor und seine angeborene Vorliebe fürs Zurschaustellen. Na Na Na schoss durch die Frustration des vergangenen Jahres wie ein Zirkus-Stuntman aus der Kanone.

Von da an war die Band im Rennen. „Zwei oder drei Wochen arbeiteten wir ohne eine Richtung“, sagt Gerard. „Wir wussten gar nicht, ob das ein neues Album werden würde. Und Rob arbeitete gratis. Er wusste einfach, dass gerade Magie geschah, und fing sie ein.“ Eine der Regeln, die über Bord geworfen wurden, war die Strategie, jedes Mal mit einem neuen Produzenten zu arbeiten. Auch wenn sie die Zeit mit O’Brien genossen hatten, war die Rückkehr zu Cavallo in Mikeys Worten „dieses Klischee-Ding: der Strahl kommt vom Himmel und die Wolken brechen auf. Es war wie in den Krieg zu ziehen und wieder heimzukehren. Es wurde zu diesem großen Kunst-Ding, in das wir alle involviert waren.

Eines sagten wir uns immer wieder: Wir müssen Farbe zurückholen“, sagt Frank. „Es ist schlimm, immer nur Schwarz zu tragen. Du willst auch Momente auf deinem Album, an denen das Licht durchscheinen kann.“ Und wenn Na Na Na die Tür öffnete, war es Planetary (GO!) („You keep eternity/ Give us the radio“), das die kompletten Wände einriss und all die wunderbare Technicolor-Verrücktheit endgültig hineinließ. Durchweg Four-on-the-floor-Disco-Stampfer, geriet der Song zum Sieg für Mikey, der gerade den Britpopper in sich entdeckte. „Solch einen Song für MCR zu schreiben war so befreiend“, sagt er. „Wir merkten, dass wir tatsächlich alles tun konnten. Die Regeln waren fort, auf diesem Album konnte einfach alles sein.“ Als Sing stand, eine schwelende Improvisation aus dem Cavallo-Stall, wusste die Band, dass sie gerade völlig neu begann. Gerard wandte sich grinsend zu Mikey und gab beinahe zufällig dem Album seinen Namen: „Danger Days, here we come again!

My Chemical Romance - Credits: Greg Waterman

My Chemical Romance - Credits: Greg Waterman

Das Ding beim ersten Versuch ist: Er war eine komplett normale Rock-Platte“, erklärt Gerard. „Wir sahen normal aus. Kurze schwarze Haare. Keine Make-up mehr. Maßgeschneiderte Anzüge und Lederjacken, perfekt für die Republikaner-Staaten. Und dann zerstörten wir das. Die Frage, die wir uns stellten: Würdest du etwas Perfektes zerstören, um es zu etwas Schönem zu machen? Und genau das taten wir.“

Ein geradliniger Song aus den früheren Sessions namens Trans Am wurde auseinandergerissen, an eine Rakete gebunden und tauchte als Bulletproof Heart wieder aus dem Sci-Fi-Äther auf. Motor-City-Feten wie Party Poison wurden neu aufgenommen und belebt von der neu gefundenen Richtung, während Spätnacht-Experimente begannen, Eigenleben zu führen. Das epische S/C/A/R/E/C/R/O/W (Frank: „Mann, das Lied ist bizarr“) begann als Refrain; der Song wurde dann aus Loops drum herum gestrickt, bis eine starrende Festung stand, Stein für Stein aus Sound-Fetzen errichtet. „Ein Freund erzählte mir, dass Scorsese, wenn er einen Film zu Ende bringt, zuallererst die beste Szene aus dem Rohmaterial heraussucht und dann schneidet“, sagt Gerard. „Wir konnten keine Zeit mit der Vergangenheit verschwenden. Wir mussten weiter.

Aus der chaotischen Entstehung des Albums erwuchs ein Konzept – grob inspiriert von einem Comic-Projekt aus der Frühzeit der Band, die damals noch in einem verrottenden Van quer durch die Staaten zog. „Klanglich wollten wir etwas Futuristisches machen“, sagt Mikey. „Wir stellten uns ein Kalifornien im postapokalyptischen 2019 vor. Alle Songs passten in diese Welt.“ Stück für Stück kam das Puzzle zusammen und wuchs: Die neuen Songs wurden von einem Piratenradio-DJ gesendet – Dr. Death Defying –, dessen Übertragungen eine Rettungsleine für die Fabulous Killjoys darstellten – eine Bande von rebellierenden Kids, die in einer trostlosen Vielleicht-Zukunft zu überleben versucht, in der Kunst und Farbe illegal sind. Mehr ins Detail wollen die Jungs allerdings nicht gehen.

My Chemical Romance - Credits: Greg Waterman

My Chemical Romance - Credits: Greg Waterman

Ein Killjoy ist jedermann“, erklärt Gerard. „Die Band, die Kids, die Künstler. Was ich bei Black Parade falsch machte, war zu versuchen, den Ausgang des Ganzen vorzugeben. Das kann ich nicht machen. Die Welt ist groß, metallisch und chaotisch, und wir sind nichts als zerbrechliche kleine Insekten – eine falsche Bewegung und du kannst zerquetscht werden. Das hier ist nur ein großes Pop-Art-Projekt.“ – „Wenn du wissen willst, wie ein Killjoy aussieht, dann geh in einen Kostümladen und stell ihn dir selbst zusammen“, sagt Ray. „Bei The Black Parade wurden Dinge fehlgedeutet. Diesmal gibt es keinen Feind. Sei kreativ. Nutze deine Stimme, deine Community. Kunst ist die einzige Waffe.“ Mit einem wohlbekannten Großmut, der in seine Stimme zurückkehrt, fügt Gerard hinzu: „Rock’n’Roll ist steinalt und ich sage nicht, wir würden ihn retten. Das versuchen wir gar nicht. Wir wollen ihn nur schön machen.“

Kein Song fasst die Fröhlichkeits-Explosion namens Danger Days besser zusammen als The Kids From Yesterday. Aufgenommen im Mai, ganz zum Ende der Sessions, nachdem Frank schon zurück zu seiner schwangeren Frau nach New Jersey geflogen war (seit Juli sind zwei Zwillings-Mädchen Teil der Familie), gibt sich der Song frisch und doch unmittelbar vertraut. Ein Sturm erfundener Nostalgie und falsch erinnerter Erinnerungen. Mittlerweile ist er der Band liebster Song auf dem Album, und vielleicht sogar der Lieblingssong ihrer gesamten Karriere. „Textlich sollte der Song das Album auf den Punkt bringen“, sagt Gerard. „Was das für mich bedeutet, ist: Ich bin jetzt erwachsen – wir alle sind das –, und das ist cool. Wir sind eine Generation von wilden Künstlern, von Freidenkern, von verrückten Leuten. Wir werden uns nicht auf den Arsch setzen und langweilige Menschen sein, nur weil das von uns erwartet wird. The Kids From Yesterday sind die Erwachsenen – die, die nie vergessen haben, wie es sich anfühlt, sich in einen Maschendrahtzaun zu krallen und zu schreien, bis die Lunge platzt.“ Der Song schließt den Kreis, den das angstvolle Teenagers beim letzten Album begann. Dessen Paranoia und Zukunftsangst ist verflogen. Heute gibt es Hoffnung. „Ein Teil davon, das Erwachsensein zu akzeptieren, ist den Kids, unseren Fans zu vertrauen“, sagt Gerard. „Meine Band führt dich nicht. Alles kann Kunst sein. Alles kann Selbstausdruck sein. Nun nimm deine Waffe und lauf los. Sei kein einfaches Ziel. Du musst nicht immer Schwarz tragen. Dadurch, dass wir Farbe hinzufügen, übergeben wir den Schlüssel zur der verdammten Rakete!

My Chemical Romance -  Danger Days

My Chemical Romance - Danger Days

Danger Days: The True Lives Of The Fabulous Killjoys ist das Album, das My Chemical Romance über ihre gesamte fast zehnjährige Karriere hinweg geschaffen haben. Von erhebendem Gefühl (The Only Hope For Me Is You) bis zu Straßenschlägereien ohne Regeln (DESTROYA) trotzt es müdem Schubladendenken und demoliert Erwartungshaltungen. Keiner Szene, keinem Credo oder Dogma verhaftet, ist es ein Rock’n’Roll-Album aus der Zukunft, das direkt auf die gefühlskalte Gegenwart zielt.

Nächstes Jahr sind wir zehn Jahre zusammen“, sagt Frank. „Eine lange Zeit, um in einem Farbton zu verharren. Und ich glaube, wenn du lange schon Fan unserer Band bist, brauchst du diese verschiedenen Gefühle in deinem Leben, brauchst diese verschiedenen Emotionen, die ans Licht kommen. Und das weiß ich, weil es das ist, was wir gerade brauchen.“

Black Parade forderte eine Menge Elend und Bestrafung. Danger Days fordert ein riesiges Hyperspace-Abenteuer“, erklärt Gerard abschließend mit einem Augenzwinkern. „Wir behaupten nicht, dass wir es verdient hätten. Wir fordern es nur.“

http://www.myspace.com/mychemicalromance

www.mychemicalromance.com

Quelle: WMG

Tags:

Leave Comment