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Death Cab For Cutie – „Codes and Keys“

Montag, 9. Mai 2011 | By | Category: Neue Alben

Bei ihrem siebten Studioalbum lassen viele Bands oft kreativen Dampf und originelle Ideen vermissen. Doch im Fall von DEATH CAB FOR CUTIE könnte wohl nichts weniger zutreffend sein – schließlich ist „Codes And Keys“ in puncto akustischer Erkundung und textlichen Ehrgeizes in der langen Vita der Band absolut einzigartig: Noch nie haben sie aufgeregter mit Strukturen, Wörtern, Sounds und dem Aufnahmeprozess selbst herumexperimentiert.

Death Cab For Cutie - Credits: Danny Clinch

Death Cab For Cutie - Credits: Danny Clinch

DEATH CAB FOR CUTIE kreierten ihr „Codes And Keys“ in verschiedenen Studios der US-Westküste in mehreren kurzen Explosionen über eine Dauer von sieben Monaten: im Sound City im kalifornischen Van Nuys (wo die Band „Meet Me On The Equinox“, die Single vom „The Twilight Saga: New Moon“-Soundtrack, aufnahm), im The Warehouse in Vancouver, in Drummer Jason McGerrs eigenen Two Sticks Audio und im Tiny Telephone in San Francisco. Zwischen diesen zehn- oder vierzehntägigen Aufnahme-Sessions legten sie die Songs beiseite und „brüteten sie aus“, wie Bassist Nick Harmer es ausdrückt.

Zwar haben DEATH CAB FOR CUTIE stets ihre beste Arbeit abgeliefert, wenn sie in dieser häppchenartigen Weise aufgenommen haben, doch Harmer sagt auch, dass der Entstehungsprozess von „Codes And Keys“ so fragmentiert war wie nie zuvor. McGerr indes empfand es als unglaublich förderlich, hin und wieder ein bisschen Distanz von der Musik zu haben: „Es gab eine konstante Erneuerung durch frische Inspiration, die dadurch entstand, dass wir von Studio zu Studio umsiedelten.

Doch anders als beim Aufnahmeprozess fürs das Grammy-nominierte „Narrow Stairs“ von 2008 – ein Album, das die Band in Echtzeit aufnahm und mit nur wenigen Overdubs und Studiotricksereien versah – erwies sich „Codes And Keys“ laut Gitarrist/Multi-Instrumentalist/Produzent Chris Walla als „Montage-Projekt“.

Die Band konzentrierte sich darauf, die besten Aufnahmen ihrer Parts einzufangen – manchmal separat voneinander, manchmal zu zweit – und konstruierte die Songs, indem sie diese Performances und andere musikalische Ideen aufeinanderschichtete. „Wir haben zwar schon vorher kleine Songstücke in dieser Form zusammengebaut“, meint Walla. „Aber wir haben vorher nie einen Faden bis zum Ende aus dem Pulli gezogen und dann daraus einen völlig neuen Pulli gemacht. Nicht auf diese Weise.“

Schon mit dem ersten Song, „Home Is A Fire“, gibt „Codes And Keys“ ein Statement ab: Knisterndes Schlagzeug schnattert unter mehreren Schichten wuseliger Rhythmen und gespenstisch hallender Vocals. Die üppige Instrumentierung fährt mit dem Titel-Track fort, auf dem Streicher des Magik*Magik Orchestra aus San Francisco im Takt mit Humpta-Drums und anmutigem Varieté-Piano schwingen. Jenes Orchester fügt auch „Stay Young, Go Dancing“ eine gewisse Leichtigkeit hinzu, einem fröhlichen Album-Schlusspunkt, der so fantasievoll wie Randy Newmans Pixar-Movie-Beiträge ist.

An anderer Stelle hat das New-Order-artige „Doors Unlocked And Open“ eine dichte, düstere Bassline, während das Herzstück des Albums, „Unobstructed Views“, schwerelose Electro-Geräusche mit engelsgleichem Funkeln und schrillem Piano verzahnt; das Ergebnis sind himmlische Explosions In The Sky. „St. Peter’s Cathedral“ beginnt mit a cappella Gesang von Gibbard und erblüht Stück für Stück als schwermütiger aber irgendwie auch freudiger Song, der mit wortlosen, lebendigen Harmonien und filmisch synthetisiertem Brummen gefüllt ist.

Bei jedem Song, den Ben [Gibbard] geschrieben hat, hat er wirklich viel mit seinem Songwriting herumexperimentiert“, hat McGerr beobachtet. „Er hat seine Stimme eher als Instrument eingesetzt und nicht wie jemand, der einfach nur Texte singt.“

Death Cab For Cutie - Credits: Danny Clinch

Death Cab For Cutie - Credits: Danny Clinch

Auch Walla sagt, er habe „Codes And Keys“ als ein Experiment gesehen und sei dankbar dafür, dass seine Bandkollegen „gewillt waren, mich bei mehreren Songs tief in den Kaninchenbau hinabtauchen zu lassen“. An einige Songs ging er heran, als würde er ein wissenschaftliches Experiment durchführen, und schuf komplizierte Zahnrad-Konstrukte (man stelle sich die Rube-Goldberg-Maschine vor), um bestimmte Sounds zu kreieren, zu manipulieren oder auszulösen.

Das Ergebnis ist ein komplexes Album, dessen Anlagen sich nur bei mehrmaligem Hören voll offenbaren. Selbst die poppigsten Momente auf „Codes And Keys“, „Monday Morning“ und „Underneath The Sycamore“, warten mit dichten Schichten wuseliger Texturen auf, die unter der Oberfläche lauern.

In den vergangenen Jahren haben mich einige Alben bewegt, die eine ziemlich unkonventionelle Soundpalette haben“, sagt Walla. „Ich habe gelernt, dass es Wege gibt, einen Song zu präsentieren und jemanden mit einer Klanglandschaft zu bewegen, die man vorher vielleicht noch nie gehört hat. Das wollte ich ausprobieren, ich wollte eine neue Visualität für das Song-Kino entwerfen.“

Trotz des nomadischen Aufnahmeprozesses (und der ausgedehnten Klangpalette) zeugt es vom Talent und der Chemie der Band, dass „Codes And Keys“ ein zusammenhängendes Statement geworden ist, eine Sammlung von Songs, die zum wohlstrukturierten Album verschmolzen ist. Walla erklärt, dass er über genau diesen Zusammenhalt im Vorfeld mit Mixer Alan Moulder diskutiert habe. „Mir ging es darum, ein wirkliches Album zu machen, nicht bloß eine Aneinanderreihung von Aufnahmen“, sagt er. „Besonders als es um die Bearbeitung der Vocals und darum ging, schwere und düstere Zusammenhänge zwischen Strophen und Refrains zu ziehen, habe ich ihn gebeten, mutig zu sein und dick aufzutragen.

Tatsächlich halfen Moulders geschickte Mixing-Ansätze, die nuancierten Details von „Codes And Keys“ hervorzuheben. „Jeder Song ist sein eigenes kleines klangliches Abenteuer, um es mal ganz kitschig zu sagen“, so Gibbard. „Für jeden noch so kleinen Sound hat er einen passenden Platz im Regal gefunden.“

Harmer ergänzt: „Ich bin echt dankbar dafür, dass er ein Teil dieses Prozesses war. Seine Mixe sind unglaublich; er hat etwas in die Band gebracht, das wir vorher nicht hatten: diese Perspektive eines Außenstehenden. Es war angenehm, am Ende der Kette einen ‚Editor’ zu haben, der all die Ideen durchgehen und auf die Dinge fokussieren konnte, die er für einzigartig und besonders wichtig hielt.“

Die Aufmerksamkeit zum Detail in der Musik spiegelt sich auf „Codes And Keys“ in der wohlüberlegten Präzision von Gibbards Lyrics wider. Die Stille ist genau so gewichtig wie die gesprochenen Wörter, und die Ökonomie der Sprache wird geschätzt. „Während ich die Songs schrieb, fiel mir auf, dass ich besonders knapp und prägnant schreiben wollte“ erklärt er. „Ich wollte Songs mit mehr Hooks als Texten, falls das irgendeinen Sinn ergibt.“

Death Cab For Cutie - Codes And Keys

Death Cab For Cutie - Codes And Keys

Meistens sind sogar die Lyrics selbst die Hooks, so bestehen beispielsweise die Strophen von „Doors Unlocked And Open“ aus einer Reihe abgehackter aber trotzdem atmosphärischer Phrasen: „Isolations / Dotted lines / Seas of concrete / With wild eyes / Streaking colors“. Und bei „Unobstructed Views“ treibt der Song zu einer Sektion gestapelter, progressiver und „New love“ gurrender Beach-Boys-Harmonien aus.

Dieses Album ist viel schräger als unsere letzten Alben“, findet Walla. „Es ist sehr ökonomisch, aber trotzdem nicht über-prosaisch. Vielleicht sind es einige Teile davon, doch es ist storytechnisch, oder besser: sprachtechnisch, nicht so schlicht wie unsere vorherigen Alben. Ich jedenfalls bin begeistert davon, dass ich keine Ahnung habe, wovon fünf oder sechs der Songs überhaupt handeln.“

Dieses Mysterium tut der Wirkung der Stücke keinen Abbruch; im Gegenteil, sie sind zugänglicher, weil der Hörer den Texten seine eigene Interpretation auferlegen muss. „Wir haben Ben immer dazu ermutigt, aus seinem Herzen zu schreiben – darüber, was er weiß und was er erlebt hat. Das ist wahrhaftig“, sagt Harmer.

Wie immer führte seine Seelensuche Gibbard an dunkle und helle Orte. Doch auch wenn er sich der Tatsache bewusst ist, dass er einige Songs „mit schwerer Hand“ schrieb, ist er doch stolz darauf, dass das Album „emotional gesehen sehr ausgeglichen und gut ausbalanciert“ geworden ist. Tatsächlich durchlaufen die Songs auf „Codes And Keys“ das komplette Spektrum: von „St. Peter’s Cathedral“, das mit dem herzzerreißenden Refrain „There’s nothing past this“ endet, bis zum Titeltrack, der „We are one, we are alive“ erklärt.

Zu der Zeit war ich mir dessen gar nicht bewusst, doch ‚Narrow Stairs’ schrieb ich in einer sehr dunklen Periode meines Lebens“, gesteht Gibbard. „Ich hatte über vieles die Kontrolle verloren und musste einige Veränderungen in meinem Leben vornehmen. In vielerlei Hinsicht ist das Album also ziemlich düster geworden. Als wir damit fertig waren und ich mir alles noch einmal anhörte, wurde mir klar, dass ich dieses Album nicht noch einmal schreiben wollen würde. Ich möchte nicht, dass das Themen sind, denen ich mich ständig widme.“

In den Jahren zwischen „Narrow Stairs“ und „Codes And Keys“ haben die Mitglieder von DEATH CAB FOR CUTIE einige Veränderungen erlebt: McGerr hat nun zwei Kinder, Walla eine lange Beziehung beendet und Portland verlassen, und Harmer hat geheiratet. Direkten Einfluss auf eins der wiederkehrenden Themen auf „Codes And Keys“ hatte Gibbards Lebenswandel – die Suche nach (und Vorstellung von) einem Zuhause.

Die lyrischen Phrasen von „Home Is A Fire“ legen ein gewisses Unbehagen an den Tag – „Bricks make me nervous,” „Plates they will shift/houses will shake” – und enden mit der resignierten Erkenntnis „Nothing’s the same”. Die erste Album-Single „You Are A Tourist“ wiederum macht die erkenntnisreiche Beobachtung „And if you feel just like a tourist in the city you were born, then it’s time to go/And define your destination: there’s so many different places to call home“.

Wenn es ein Gefühl von Heimat auf dem Album gibt, dann steht es in engem Zusammenhang mit den Veränderungen, die in meinem Leben geschehen sind“, sagt Gibbard. „Ich bin von Seattle nach Los Angeles gezogen, habe geheiratet und die Definition von Zuhause für mich wiederentdeckt.“ Das spornte ihn sogar dazu an, einige seiner älteren Texte  noch einmal bewusst zu reflektieren und überdenken.

Die Textzeile „Life is sweet in the belly of the beast“ zum Beispiel, aus „Stay Young, Go Dancing“, mildert die eisernen antikalifornischen Empfindungen eines „Why You’d Want To Live Here“ vom „The Photo Album“. Die Vogel-Metapher aus „Talking Bird“ von „Narrow Stairs“ wird unterdessen auf den Kopf gestellt und auf den Protagonisten von „Monday Morning“ übertragen. „An der ein oder anderen Stelle des Albums gibt es so etwas wie Umarbeitungen alter Lyrics“, verrät Gibbard. „Einfach nur, weil ich ein altes Gefühl wiedererlangen und es neu evaluieren und präsentieren will.

Harmer weiß zu schätzen, dass die Lyrics von „Codes And Keys“ tatsächlich viel fokussierter auf das Hier und Jetzt sind. „Ich freue mich wirklich, dass seine Songs ein viel reiferes Level erreicht haben und nun auf einer Stufe der Weisheit angelangt sind, die sein Alter und seine Abenteuer reflektiert. Sie klingen einfach glaubhaft.

Walla schlägt in die gleiche Kerbe: „Ich kann mich so mit dem Album identifizieren und fühle mich so mit den Lyrics verbunden, wie ich es nur selten auf den vorangegangenen Alben gewesen bin.

Im Gespräch wird klar, dass die Mitglieder von DEATH CAB FOR CUTIE immer noch größte Fans voneinander sind. Noch wichtiger: Sie genießen es, miteinander Musik zu machen und gemeinsam eine Band zu sein. Ihre einzige Motivation ist, Musik zu kreieren, die sie mögen, und sich gegenseitig zu beeindrucken und zufriedenzustellen. Vielleicht mag ihre Geschichte nicht die einer kontroversen Rock’n Roll Band sein – doch es ist eine, die auf beständiger, konstruktiver Brüderschaft basiert.

Wir gingen vom College ab und verbrachten miteinander mehrere Jahre in einem Van. In all diesen Jahren haben wir voneinander gelernt und sind emotional und in anderen Bereichen gewachsen“, sagt Harmer. Die Struktur unserer Beziehungen ist sehr komplex und für mich und vermutlich jeden anderen in der Band unglaublich wichtig. Wir sind ein Netzwerk, das sich gegenseitig hochpusht; wir sind so viel mehr als nur vier Typen, die zusammenkommen und Musik machen.

Quelle: WMG

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