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Ken – „Get A Life“ VÖ: 26.02.2010

Samstag, 16. Januar 2010 | By | Category: Neue Alben

Aydo Abay ist ein besonderes Geschöpf der deutschen Musikszene. Er ist: ein brillanter Sänger, ausgezeichneter Frontmann, getriebener Jäger von frischen, unkonventionellen Ausdrucksformen im Rock. Er bleibt nie stehen und ist doch immer ganz bei sich selbst. Er weiß, was er kann und will, aber ebenso weiß er – und das wiederum ist selten in der sonst vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Szene der guten Rock-Frontmänner – was er nicht so gut kann. Da holt er sich dann Hilfe von welchen, die es besser wissen als er, lässt sich beraten und beflügeln durch die Kreativität anderer.

Ken-get-a-life

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Das war schon immer so, beispielsweise bei seiner bisherigen Band Blackmail, mit denen er in einem guten Jahrzehnt sechs Alben aufnahm und es zu einer der meistbeachtetsten Rockbands in Deutschland brachte. Mehr noch gilt diese Prämisse von künstlerisch fließender Energie aber für seine andere Band KEN, einem mehr oder weniger losen Verbund von äußerst kreativen Musikern, der, so Aydo, „schon immer weit mehr war als ein Sideproject. Dafür steckte darin von Anfang an zu viel Herz.“ Eben dieses Herz war es auch, welches Ken nach Aydos Trennung von Blackmail wieder zu seinem Hauptinteresse machte. „Mit der Arbeit an dieser Platte hatte ich bereits noch zu Blackmail Zeiten begonnen“, erzählt der aufgeweckte, auch eigenwillige Sympath. „Und so stand für mich fest, dass KEN jetzt erst mal bis auf Weiteres die Hauptrolle spielen wird.“

Eine Hauptrolle, die nicht nur für den Musikfanatiker mit der kraftvoll und weich rollenden Stimme sowie den herrlich kryptischen Lyrics mehr war als nur der nächste coole Streifen seiner gelebten Filmografie. Denn wenn man sich mit “Yes We” auseinander setzt, wenn man sich in die vielen Ideen, Sounds und Schichten dieser Wahnsinnsplatte eingehört hat, bekommt man sehr schnell das Gefühl, dass die Entstehung dieses Werks für alle Beteiligten ein spannender Parforceritt durch die Möglichkeiten war. Und so verwundert es auch nicht, wenn Aydo KEN „als eine ultimative Spielwiese, auf der aber nicht nur gespielt, sondern auch etwas von Wert gemacht wird“ beschreibt.

Was ist dieser Wert? Wie lässt er sich greifen? „Nun, es ist ja so, dass ich eigentlich nichts kann“, schmunzelt Aydo, durchaus kokett und natürlich kolossal tiefstapelnd. „Deshalb habe ich alle dazu eingeladen, mir ihre Ideen zu präsentieren. Und gemeinsam haben wir dann geschaut, wie sich daraus etwas formen lässt, das KEN ist.“ Wie zahlreich und vielseitig diese Ideen gewesen sein müssen, zeigt sich nun auf “Yes We”. Da ist Pop und Spacerock, Elektronik und Postpunk, da sind fruchtig schmatzende Melodie-Preziosen und schrullig dahin wabernde Klangabfahrten. Man hört es sofort: Alles war erlaubt, aber ebenso schien es geboten, jede nicht ganz so zündende Idee auch ebenso konsequent wieder zu verwerfen. Was blieb, ist gut, groß, besonders.

„Ich finde, es muss überhaupt wieder mehr gewagt werden“, ist sich Aydo sicher. „Mich macht das richtig krank, wie die Rockszene immer mehr zu angepassten Rex Gildos verkommt. Das kann doch nicht der Weg sein, erst recht in der Krise der Branche. Natürlich wünsche ich mir für Ken ebenfalls alles, was geht. Aber dabei darf der Mut nicht komplett auf der Strecke bleiben. Ich finde, das ist das Schlimmste an den Entwicklungen der letzten paar Jahre.“ Mut haben KEN ohne Frage.

Denn der bei allem Erfolg angenehm natürlich gebliebene Inbegriff eines guten Frontmannes öffnet auf “Yes We” nicht nur seine Künstler-Seele, sondern auch sein Herz. „Mann, ich bin verliebt! Und zwar das erste Mal in meinem Leben so, dass es von Dauer ist. Klar, dass sich das auch auf die Texte auswirkt. Doch damit diese positiven Schwingungen nicht zu offensichtlich sind, haben wir die Songs, die sich mit dem Thema beschäftigen, hübsch verklausuliert.“ Und so kommt es dann auch zu einigen eigenartigen Songtiteln und einer Abkürzung wie “Y.K.I.W.G.T.T.END.O.T.W.W.Y“, „die aber jeder, der ein wenig nachdenkt und den Hintergrund kennt, ziemlich schnell dechiffrieren dürfte“, so Aydo.

Dechiffrieren lässt sich auch noch etwas anderes: Mehr als je zuvor ist “Yes We” das Ergebnis eines Kollektiv-Gedankens. Wem die Musiker, mit denen Aydo auf dieser Platte kollaboriert, auch von ihren jeweiligen anderen Projekten ein Begriff ist, der wird recht schnell einige markante Bausteine heraushören. Die wirbelnden Basslines und fies schneidenden Synthie-Sounds von Georg Brenner beispielsweise, sonst eine Hälfte der brillanten Elektrorock-Maschine Urlaub in Polen. Oder die geschmackvollen, griffig-unverdorbenen Keyboard-Flächen von Marcel von der Weiden. „Ich war immer schon überzeugt, dass Marcel weit mehr kann als das zu spielen, was man ihm vorgibt“, sagt Aydo. „Also ließ ich mir seine eigenen Demos vorspielen. Und siehe da: Mit vielem, was er geschrieben hatte, konnten wir alle unmittelbar etwas anfangen.“

Was die einen im Finden der musikalischen Grundzüge waren, waren zwei andere im Hinblick auf die grundsätzlichen Fragen von Richtung, Klang, Produktion und Dynamik. Oliver Ole Fries, sonst Gitarrist bei Profession Reporter, „ist schon seit der ersten Ken-Platte ein ausgezeichneter Berater“, so Aydo. Und den aktuellen KEN -Bassisten Guido Lucas, Labelchef von bluNoise, Studiochef der blubox und damit eine Art Gottvater des deutschen Noiserock, muss man dem Rockhörer wohl nicht mehr vorstellen. Aydo: „Ich denke, jeder Profimusiker hat so etwas wie eine Vaterfigur, wenn es um die Entdeckung der eigenen Kunst und Inspirationen geht. Für mich ist das Guido. Schon immer.“

Und so entstand auch “Yes We” wie schon die Vorgängeralben “Have a Nice Day“ (2001) und “Stop! Look! Sing Songs of Revolutions!“ (2005) sowie das Cover-Album “I Am Thief “ (2005) in der blubox in Troisdorf. Was für jeden, der den typisch brachial direkten blubox-Sound kennt, eine echte Überraschung ist: So viel Pop, Wohlklang und Gefälligkeit aus einem der wüstesten Zentren deutschen Premiumkrachs? „Tja, Inspiration kann schließlich in beide Richtungen laufen“, lacht Aydo. „Als ich Guido kennen lernte, hasste er sogar die Beatles. Inzwischen habe ich ihm schon beigebogen, dass es auch richtig gute Popmusik gibt.“ Wie gut auch KENs Popmusik sein kann, beweist schon die vorab ausgekoppelte Single “Get a Life“: Getrieben von peitschenden Rhythmen des einzigen neu hinzu gekommenen KEN Mitglieds, dem Drummer Michael Borwitzky (ehemals Union Youth), und kraftvollen Rock-Arrangements, singt Aydo eine seiner brillanten Melodien, wie nur es kann. Richtig balladesk-intim wird es bei “Reminder D“: So viel Mut im leichtfüßigen Pop gab’s lange nicht.

Und wie geht’s jetzt weiter, Aydo? „Das Schöne ist, dass ich das selber nicht weiß. Ich weiß nur: Diese Platte ist ein Aufbruch, der Beginn einer neuen Phase meines Daseins als Mensch, Sänger und Künstler. Das einzige, was ich weiß: Ab jetzt kann alles passieren.“

Und so ist diese spannende, in keiner Sekunde vorhersehbare Platte der beste Beleg dafür, dass man kreative Zellen einfach mal machen lassen sollte. Wenn sie sich frei entfalten, dann kann Musik entstehen, die fernab jeder Erwartungshaltung wie eine Streubombe ins Gehirn einschlägt und dort ein Kopfkino von kaleidoskopischen Farben erzeugt.

http://www.myspace.com/yesweken

http://www.myspace.com/kenlovesyou

European Outdoor Film Tour (E.O.F.T. )

Quelle: MPN

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