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MARINA AND THE DIAMONDS „Froot“

Freitag, 6. Februar 2015 | By | Category: Neue Alben

Ihr selbst erschaffenes Alter Ego Electra Heart ist tot – lang lebe die neue Marina And The Diamonds! Mit „Froot“ veröffentlicht Marina Diamandis nun das erste brandneue Material seit dem Release ihres gefeierten 2012er Zweitlings „Electra Heart“.

Marina And The Diamonds

Marina And The Diamonds

Auf ihrem dritten Album präsentiert sich die britische Queen Of Electro-Pop heute von Grunde auf gewandelt: „Froot“ ist ebenso Selbstläuterung, wie auch Neuerfindung und Weiterentwicklung in Reinkultur. Marinas Wiedergeburt in nahezu allen Aspekten ihres kreativen Schaffens: Stilistisch, inhaltlich, künstlerisch. Das viel beschworene neue Kapitel, das die Londonerin sowohl in ihrer Musikerkarriere, als auch in ihrem Privatleben aufschlägt.

„Wenn man etwas anfängt, dann muss man es auch irgendwann zu Ende bringen“, flüstert Miss Diamandis verschwörerisch, als würde sie streng vertrauliche Informationen des britischen Geheimdienstes ausplaudern. „Und man muss es öffentlich tun. Hätte sich irgendwer tatsächlich vorstellen können, dass ich Electra Heart einfach so verblassen lassen würde?“ fügt sie mit fast kindlicher Erregung in der Stimme hinzu, als sie über ihr inneres Großreinemachen spricht. „Ich kann mir heute nicht einmal mehr vorstellen, diese Perücke in einer Million Jahre wieder aufzusetzen. Das war eine einmalige Sache für einen gewissen Zeitraum. Obwohl ich sie manchmal doch vermisse. Irgendwie war es doch ganz lustig.“ Marina wird kurz nachdenklich, bevor sie sich selbst mit deutlich spürbarer Überzeugung widerspricht. „Aber ich glaube nicht, dass ich es irgendwann einmal wiederholen könnte.“

Mit „Electra Heart“ enterte Diamandis vor gut drei Jahren nicht nur die Top 40 der europäischen Longplay-Charts, sondern machte auch im Rest der Welt eine extrem gute Figur. Im heimatlichen Britain schlug das Album auf einem sensationellen Platz 1 der Hitparade ein, bevor die Waliserin mit den griechischen Wurzeln auch den Sprung über den großen Teich schaffte und ebenfalls die amerikanischen Billboard 200 knackte. Bereits mit ihrem 2010 veröffentlichten Debütalbum „The Family Jewels“ sorgte Marina And The Diamonds für mehr als beeindruckende Verkaufszahlen – nichts desto trotz war niemand auf den enormen Einfluss vorbereitet, den das folgende „Electra Heart“ auf die Welt hatte: Ein hoch komplexes, in sich verschachteltes Konzeptalbum über die weibliche Identität, Liebe, Jugend und die Gesellschaft. Ein Versuch, das undurchsichtige Netz aus komplizierten Ideen und Gefühlen mit ihrer Vision von hyper-moderner Popmusik zu entwirren. Tatkräftige Unterstützung bekam Marina dabei von angesagten Electro-Magiern wie Liam Howe bis Dr. Luke, mit deren technischem Support sie sich entschlossen ihren ganz eigenen Pfad in die Welt der Charts bahnte.

Einen Pfad, auf dem sie das noch weiter formte, was sich schon auf ihrem Debüt andeutete: Ein ausgesprochener 7. Sinn für ihr selbst kreiertes Indie-Artist-Denken, dessen formschöne Ecken und Kanten bis heute jeden einzelnen ihrer Tracks zieren. Stücke wie „Radioactive“ oder „How To Be A Heartbreaker“ mögen zwar oberflächlich betrachtet makellose Dancetunes darstellen, denen Marina aber in ihrer eigenartigen Exzentrik immer wieder perfekt platzierte Kratzer und Beulen verpasst. Ganz egal, ob rein musikalisch, mit ihrem fast erfrischend zynischen Weitblick oder nicht zuletzt der Wahl ihrer atemberaubenden High Fashion-Garderobe.

Die kurze, aber intensive Lebensspanne, die Electra Heart vor ihrem dramatischen Alter Ego-Abgang vergönnt war, war geprägt von schwerem Lavendelduft und fliederfarbenem Nebel, von dem Glitz und Glamour schimmernden Satins, während die verschiedenen Charaktere wie The Homewrecker, Su-Barbie-A, Teen Idles und Stars & Queen durch gebleichte Perücken, kitschige 50er Jahre-Fummel und alle erdenklichen Arten nostalgischen Zierrats aus dem Amerika vergangener Tage verkörpert wurden. Doch über eine längere Zeit in die Rolle einer völlig anderen Person zu schlüpfen, forderte irgendwann ihren Tribut. Nur ein Grund, weshalb Diamandis absolut kein Verlangen danach hat, dies zu wiederholen. „Sobald ich die Arbeiten an dem Album beendet hatte und mich nach Release der Single `Primadonna` in diese PR-Mühle begab, war mir schon klar, wie meine dritte Platte sein sollte. Ich wusste, dass sie völlig anders werden würde. Ich bin im Nachhinein sehr dankbar für all die Erfahrungen und Möglichkeiten, die sich durch `Electra Heart` eröffnet haben. Aber mir war schon sehr früh bewusst, dass ich es nicht wiederholen würde.“

Und „Froot“ ist anders. Wenn überhaupt, dann durfte man von Marina Lambrini Diamandis schon immer eines ganz sicher erwarten: Das Unerwartete. So ironisch es auch klingen mag. Schon an ihrem 29. Geburtstag, dem 10.10.2014, veröffentlichte Marina mit dem Titeltrack den ersten Vorboten auf das, was nun als Ganzes vorliegt: Das Endergebnis einer drastischen Veränderung ihrer eigenen Wahrnehmung und ihrer ausgeprägten Leidenschaft, Verantwortung zu übernehmen. Während sie vor neu gewonnenem Selbstbewusstsein nur so zu strotzen scheint, liefert sie eine ganze Wagenladung elektronischer Disco-Grooves, ätherisch-träumerischer Vocals und ihrer berüchtigten Pop-Überspitztheiten ab, die man in dieser Form vor drei Jahren zum letzten Mal gehört hat. Thematisch allerdings könnte „Froot“ nicht weiter von „The Family Jewels“ oder „Electra Heart“ entfernt sein. „Happiness“, so Marina, „wäre wohl ein falsches Wort.“ Vielmehr geht es um eine Art von Frieden mit sich selbst. Um Geborgenheit. Und um Ehrlichkeit. Um die glückliche Fügung, sich mittlerweile schließlich doch ganz wohl in ihrer eigenen Haut zu fühlen.

„Es fühlte sich fast an, als hätte mich irgendetwas mein ganzes Leben lang belastet, das plötzlich verschwunden war“, erklärt Marina weiter. „Dieses wunderbare Gefühl lässt sich heute kaum in Worte fassen! Plötzlich wird einem klar, warum andere Menschen glücklich sind und das Leben genießen. Ich glaube, ich habe gedacht, dass dieses ständige Deprimiertsein einfach ein Teil meiner Persönlichkeit ist oder dass ich so geboren wurde – um so mehr hat es mich schockiert, herauszufinden, dass das nicht der Fall war… Vielleicht war ich endlich bereit, mich Veränderungen zu stellen. Bereit, gewisse Dinge loszulassen, an die ich mich bisher immer geklammert hatte. Ich kann nicht so genau beurteilen, ob das auch anderen Leuten passiert, wenn sie ein gewisses Alter erreichen, oder ob nur ich diese Probleme habe. Möglicherweise ist das nicht allzu weit verbreitet, aber ich weiß ganz genau, dass es ein entscheidender Entwicklungsprozess für meine weitere Zukunft war.“

Ein ganz neues Denken und das (Selbst)Bewusstsein, die Zügel wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Nachdem ihr auf „Electra Heart“ eine halbe Armada von Producern die ganze Bandbreite der Popmusik zu Füßen legte, entschied sich Marina, auf „Froot“ einen völlig anderen Weg zu gehen. „Damals war ich neu im Musikbiz und auch sehr unerfahren. Als jemand, die all das Lob und die Aufmerksamkeit wirklich genossen hat, habe ich sehr oft auf andere Leute gehört – und das auch in Situationen, in denen ich lieber auf mich selbst hätte hören sollen. Das war der Grund, weshalb ich nun auf `Froot` alles im Alleingang machen wollte. Eine der größten Herausforderungen war für mich, zu sagen, dass ich es einmal alleine versuchen wollte. Als Künstler sollte man genau wissen, wer man ist. Nur dann kann einem niemand erzählen, wer man ist und was man tun sollte.“

Die Erkenntnis, wer man ist und was man leisten kann – noch nie war sich Diamandis so sicher, wie jeder auf „Froot“ deutlich hören kann. Als logische Konsequenz arbeitete sie auf dem neuen Album mit wenigen, handverlesenen Künstlern zusammen: So finden sich der britische Producer David Kosten (Everything Everything, Bat For Lashes, Natalia Imbruglia) und The Cure-Drummer Jason Cooper, die ihr selbst kreiertes Monster vervollständigen. „Froot“ stellt Marinas ganz eigene, einzigartige Sicht auf eine Welt voller durchschnittlicher Floorfiller und fremdkomponierten, schnelllebigen Vergissmeinnichts dar. Angefangen beim Existenzangst-getriebenen „Immortal“, über den nach vorne pushenden Hit „Better Than That“, bis zum gegensätzlichen „Happy“ und der 70ies beeinflussten Vorabsingle „I`m A Ruin“Marina And The Diamonds ist begriffen in einem ständigen Wandel. Einer kreativen Metamorphose, auf der sie sich heute ebenso stark wie auch zerbrechlich präsentiert, wie auf frühen Tracks wie „Obsessions“ oder der akustischen Breitwand-Beklemmung „Are You Satiesfied?“

Zusammenfassend erklärt Diamandis über „Froot“, dass „es nicht um Pop oder nicht Pop, um Electro oder nicht Electro geht. Es geht vielmehr darum, den Groove in der Musik zu spüren und zu wissen, dass diese Musik von echten Musikern gemacht wird. Ich glaube, das versuche ich schon seit langer Zeit umzusetzen.“ Und obwohl es sich bei „Froot“ um ein fast schmerzhaft persönliches, in die Vergangenheit gewandtes Album handelt, auf dem sie ihre ureigenen Schwächen, ihre Schuld und ihre Reue bis ins kleinste Detail seziert, klingt doch immer ihr ganz besonderer Optimismus durch. Den Blick nach vorne gerichtet, bereit, den nächsten Schritt zu machen und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Mit „Froot“ hat Marina And The Diamonds nicht nur eine Sammlung hochkarätiger Popsongs aufgenommen (obwohl es sich natürlich um genau das handelt: Popsongs), sondern ein ganz persönliches Logbuch ihrer Reise durch schwere Zeiten veröffentlicht. Eine in Text und Ton verpackte Chronik vom Erwachsenwerden. Davon, seinen inneren und äußeren Kokon abzustreifen, sich die Wunden zu lecken und schließlich die Welt mit neu gewonnener Kraft ein weiteres Mal zu erobern.

„Früher habe ich jedes kleinste Bisschen minutiös geplant“, lächelt Marina mit einem ganz leichten Anflug von Nervosität. „Diesmal plane ich gar nichts. Ich freue mich einfach darauf, dass alles so passiert, wie es passiert.“

Quelle: WMG

 

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