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Gunter Gabriel – „2 Fragen“ – 29.01.2010

Dienstag, 15. Dezember 2009 | By | Category: News

Die Nachrufe liegen längst in der Schublade. Sie erzählen, dass es kam, wie es kommen musste – die übliche, tragische Geschichte: vom Tellerwäscher zum Millionär und wieder zurück. Es gibt sogar bereits Fotos, die Gunter Gabriel in einen Sarg gebettet zeigen, den Hals seiner Gitarre auf der Brust.

Etwas voreilig, denn er ist noch da. Wieder da, möchte man sagen. Scheinbar runderneuert, wohlfrisiert, in ein gut sitzendes Sakko gekleidet.

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Eine Autobiographie gerade in Druck, ein mit großem Aufwand produziertes Album just fertiggestellt. Ein neuer Gunter Gabriel? „An mir ist nichts neu”, knurrt er, höchst lebendig. „Ich habe meine Seele nie verkauft, meinen Rücken immer kerzengerade gehalten – und meinen Mittelfinger übrigens auch!” Nach einem angedeuteten bösen Blick muss er lachen.

Eine tiefes, bebendes Lachen, das klingt, als würde man zwei schwere Steinplatten langsam übereinander schieben. Die unzähligen tiefen Kerben und Furchen seines Gesichts spielen dazu ein äußerst amüsiertes, von großer Lebensfreude zeugendes Spiel.

Was wurde nicht alles geschrieben und erzählt: von einem, der gescheitert ist, fertig und kaputt; von einem, der Talent, Geld und Gesundheit verzockte; ein schlechtes Beispiel, ein Gestrauchelter wie er im Buche steht. Dabei ist er immer wieder aufgestanden. „Steh auf, Mann!”, so lautet dann auch seine Maxime – den Begriff „Stehaufmännchen” dagegen mag er nicht sonderlich. Er passt auch nicht auf einen 120-Kilo-Kerl von fast zwei Metern.

Gunter Gabriel ist keiner, der pathetisch von sich sagen würde „Ich bereue nichts”. Im Gegenteil: „Ich habe ’ne Menge Mist gebaut“, sagt er.

Trotzdem ist er aufgeräumt, nachdenklich, aber guter Dinge, wenn er zurückblickt: „Ich würde dieses Leben nicht noch einmal leben wollen, um Gottes Willen – aber es war trotzdem verdammt interessant.” Er wirkt beinahe überrascht über das, was er erlebt und überlebt hat. Seine stechend blauen Augen können immer noch staunen wie die

eines Kindes, obwohl sie so vieles aus nächster Nähe gesehen haben, was andere nicht einmal im Entferntesten zu denken wagen.

„Die Öffentlichkeit wusste immer besser über mein Privatleben Bescheid als ich selbst”, sagt er mit hörbarem Sarkasmus. „Woran ich aber nicht ganz unschuldig war, ich habe immer neuen Stoff geliefert.” Und der Boulevard saugte ihn dankbar auf. Diese Oberfläche prägte lange das öffentliche Bild von ihm, der andere Gunter Gabriel war fast bis zur Unkenntlichkeit hinter der skandalträchtigen Medienfigur verborgen.

Zum Beispiel der große Songschreiber, der neben eigenen Klassikern wie „Hey Boss, ich brauch mehr Geld” auch zahlreiche Hits schrieb, die kaum einer mit Gunter Gabriel in Verbindung bringen würde, etwa Juliane Werdings „Wenn du denkst, du denkst, du denkst da”.

Gunter Gabriel - Credits:	Sven Sindt

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Genauso der Country-Musiker, dessen CD-Regale gefüllt sind mit allen einschlägigen Namen seiner Zunft, genauso aber mit den gesammelten Werken von Jacques Brel, Charles Aznavour und Jacques Dutronc, von Franz Josef Degenhardt oder gar Wolf Biermann. Weil er grundsätzlich über den Tellerrand hinausschaut, immer auf der Suche nach gut vorgetragenen Geschichten.

Oder der literarisch interessierte Mensch, in dessen penibel geordneter Bibliothek sich Erich Kästners „Lyrische Hausapotheke” findet, Bücher von Albert Schweitzer, Hermann Hesses Gesamtausgabe oder die Autobiographie von Eminem. Und Ernest Hemingway natürlich, die wichtigsten Zeilen per Hand unterstrichen, wie in jedem seiner Bücher. Und letztlich auch der sorgende Familienvater, der täglich mehrfach mit seinen vier Kindern telefoniert, die verstreut in Deutschland, Portugal und England leben. Er hat sie immer unterstützt, auch finanziell, selbst wenn das Geld für das Nötigste oft fehlte.

„Gunter Gabriel ist wie ein Koyote auf ’ner Pudelparty”, sagte einmal jemand in einer Laudatio über ihn. „Ich bin Rock ’n’ Roll und Straße”, sagt er selbst. „Ein bisschen freaky, ein bisschen Revoluzzer, ein bisschen Macho, ein bisschen Punk, ein bisschen Proll. Aber mit ungeheurer und ungehemmter Energie.” Auch wenn es widersprüchlich klingt: In seiner demonstrativen Einfachheit ist Gunter Gabriel ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk, das Künstler aus ganz anderen Bereichen fasziniert und anzieht. Der Schauspieler Ben Becker zählt Gunter Gabriel zu seinen großen Idolen, Punklegenden wie Carsten Vollmer, Farin Urlaub oder Die Kassierer zollen ihm Tribut. David Gritl, Betreiber des legendären Punkschuppens „King Calavera” in Hamburg, nennt Gunter Gabriel ehrfürchtig den „Godfather of Punk”. Was Gunter Gabriel überrascht: „Ich fühle mich absolut nicht als etwas Besonderes.” Und ein wenig nachdenklich ergänzt er: „Aber ich scheine doch irgendwie anders zu sein.”

Mit all diesen Brüchen und Widersprüchen hat Gunter Gabriel mittlerweile zu leben gelernt, er ist bei sich selbst angekommen. Und es geht ihm besser denn je. „Ich musste vieles akzeptieren: Ich kann offensichtlich nicht mit Geld umgehen, ich bin nicht bindungsfähig – so sehr ich es mir auch immer gewünscht habe –, und diese allgemeinen

Definitionen, was ein glückliches Leben sein soll, die treffen auf mich einfach nicht zu. Streng genommen bin ich ein Verlierer, zumindest nach den gängigen Vorstellungen. Aber ich fühle mich nicht so. Ich empfinde mich als Gewinner.” Diese Erkenntnisse bedeuten für ihn Freiheit, sein höchstes Gut, seine eigenes Wort für Glück. „Ich habe irgendwann verstanden, dass es das war, danach hatte ich immer Sehnsucht gehabt. Die Freiheit, alles selbst in der Hand zu haben. Aber wie Kris Kristofferson schon sang: ‚Freedom’s just another word for nothin’ left to loose’ – erst durch meinen Niedergang habe ich diese Freiheit gefunden.”

In diesem Zustand hatte er sich, mit Mitte 60, eigentlich behaglich eingerichtet, bereit, sein Leben ausklingen zu lassen. Er spielt weiter Konzerte, die ihm sein Auskommen sichern, er arbeitet weiter an neuen Projekten. Allerdings ohne noch jemals Gedanken an das ganz dicke Business zu verschwenden. „Mich wollte ja keiner mehr, zumindest, was die große Musikwelt anging. Ich habe ja auch ’ne Menge verbrannte Erde hinterlassen.” Umso verwunderter ist er, auf welch großes Interesse seine Ideen plötzlich wieder stoßen. Und froh über die unverhoffte, späte Aufbruchstimmung: „Ich bin dankbar für diesen Tritt in den Arsch. Es ist für mich ein Geschenk. Ich könnte weinen vor Freude, dass es noch einmal richtig losgeht: Alter Junge, halt dich ran, es geht nicht ewig weiter. Verplemper nicht den Rest deines Lebens, gib noch ein bisschen Gas!” Das Wort „Comeback” will Gunter Gabriel in diesem Zusammenhang allerdings nicht hören, „ganz einfach, weil ich immer mit dem Arsch am Wackeln war. Vielleicht könnte man eher sagen: Dies alles ist einfach ein schönes Finale für mein Leben.”

Sohn aus dem Volk

Gunter Gabriel hat einen langen Anlauf genommen, um zu seinen Wurzeln zurückzukehren: ein Mann, eine Stimme, eine Gitarre. Beiwerk nur so viel, dass es diese Troika nicht stört.

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Unter dieser einfachen Decke enthält „Sohn aus dem Volk” ausnahmslos alles, was Gunter Gabriel ausmacht. Angefangen mit seinen Vorbildern, die in Sound und Haltung an vielen Stellen anklingen, Willie Nelson etwa oder Lonnie Donegan mit seiner Working-Man-Attitüde. Vor allem aber Johnny Cash, sein Freund, mit dem Gunter Gabriel gemeinsam auf der Bühne stand, den er bei Abstürzen erlebte und in dessen Studio er wenige Tage vor seinem Tod einige Cash-Songs auf Deutsch aufnahm. Letztlich war es auch Johnny Cash, der mit seinem Spätwerk, den von Rick Rubin produzierten “American Recordings”, die Initialzündung für das neue Album lieferte: Cover-Songs, extrem reduziert, durch den Interpreten zu völlig neuem Leben erweckt. Und auch hiermit geht Gunter Gabriel zurück an den Ursprung seiner Karriere, seit seinem ersten Hit ist er ein Meister der Adaption, als er Dylans “Wanted Man” in sein „Ich werd gesucht …” überführte.

Und ob er nun den Song “Creep” in ein Gänsehaut erzeugendes „Ich bin ein Nichts” verwandelt oder kolossal-lakonisch Ideals „Blaue Augen” interpretiert – Gunter Gabriel macht sich die Songs zu eigen, textlich und musikalisch. Peter Fox’ aktueller Hit „Haus am See” schließlich, unglaublich laid back in einem Delta-Blues-Gewand, klingt, als könnten diese Zeilen unmöglich von jemand anderem stammen als von Gabriel selbst. Ein Geniestreich.

Der Subtitle “German Recordings” ist eine Verbeugung vor Johnny Cash, ein Dank für die Inspiration, doch das Album ist keine Kopie des American-Recordings-Konzepts: „Sohn aus dem Volk” enthält neben herausragenden Duetten mit The BossHoss („Helden”) und Klee („Zwei Fragen”) einige neue Songs von einer Kraft, die nur aus großer Lebenserfahrung erwachsen kann: Wenn Gunter Gabriel „Ich geb den Rest für dich” anstimmt, dann ist das für ihn Resümee und Ausblick zugleich.

Für die Aufnahmen verantwortlich zeichnet Wolfgang Stach, der sich als Erfolgsproduzent von Größen wie BAP oder den Guano Apes einen Namen gemacht hat, genauso als Entdecker und Förderer junger Formationen wie Bosse oder Karpatenhund. Gunter Gabriel gilt gemeinhin als kaum ausrechenbar, als schwieriger Charakter – milde ausgedrückt. Und es ging um nicht weniger als das Album seines Lebens. Wolfgang Stach stellte sich der Herausforderung und eineinhalb Jahren intensivster Arbeit mit einer so einfachen wie schlüssigen Sound-Idee: Junge Band trifft auf Erfahrung. Das Ergebnis klingt frisch und direkt, ist aber zugleich so unglaublich abgehangen gespielt, als wäre jeder der Musiker anstelle der Muttermilch mit Wasser des Mississippi großgezogen worden. Auf dem Album gibt es keinen halbherzigen Ton, bis hin zum kleinsten Knacken oder Räuspern ist die Entschlossenheit spürbar – ohne großes Drumherum, puristisch, akustisch und kraftvoll. So erdig, dass man die einzelnen Körner zwischen den Zähnen knirschen fühlt. Und so ehrlich, dass es einem Tränen in die Augen treibt, ob vor Melancholie oder Freude.

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Gunter Gabriel - Credits: Sven Sindt

Über all dem steht Gunter Gabriels Stimme, sie allein diktiert Richtung und Schlagzahl. Denn eine solche Stimme weiß, wovon sie spricht – so ein Organ bekommt weiß Gott niemand geschenkt. Doch wenn die Stimme auf einem Album wie diesem erklingt, dann ist das ein akustischer Beleg, dass all der Whiskey, die zahllosen Zigaretten und die lange Zeit am Ende immerhin zu etwas nutze waren.

Wer einmal tief im Keller saß

Gunter Gabriel hat sein Leben aufgeschrieben. Technisch betrachtet enthält das Buch 200 Seiten. Ereignisse bietet es jedoch weit mehr, als sie ein halbwegs normaler Werdegang je vertragen könnte. „Wer mit vier seine Mutter verliert, entwickelt sich anders als jemand, der immer eine hatte”, schreibt Gunter Gabriel eingangs, und das Buch liefert die unumstößliche Bestätigung: In seinen unverkennbar eigenen Worten erzählt er eine der außergewöhnlichsten Biografien der vergangenen Jahrzehnte.

Wie kann ein Mensch, der einmal so erfolgreich war, dermaßen abstürzen und schlussendlich trotzdem so glücklich sein? Gunter Gabriel beginnt seine Geschichte mit den vagen Erinnerungen, die ihm von seiner Mutter geblieben sind, schildert seine Jugend als Sohn eines prügelnden Schrankenwärters, seinen Weg zur Musik. Er schont sich nicht, auch nicht in den ausführlichen Passagen, die von seinen vielen Aufstiegen und Stürzen handeln, von Liebe und Affären, von massiven Konflikten, ob mit sich selbst, der Staatsgewalt oder anderen Autoritäten, die Gunter Gabriel nur schwer akzeptieren kann. Depressionen, finanzieller Ruin, Momente, in denen er dem Tod mit mehr Glück als Verstand von der Schippe springt – Gunter Gabriel lässt nichts aus. Dabei verliert er jedoch nie seine Würde, seinen Humor und seine, wie er es nennt, „positive Geisteshaltung”.

Sein Leben führt Gunter Gabriel durch das gesamte Nachkriegsdeutschland, von ‘42 bis heute; von Bünde in Westfalen über Hamburg, Berlin, Köln und München bis in den kleinsten Winkel der Republik. Ein lange Zeit rastloses Leben zwischen allen Extremen, das jetzt, in der Rückschau, für Gunter Gabriel selbst plötzlich einen Wert bekommt.

Das Buch ist nur selten wirklich chronologisch, Gunter Gabriel berichtet sehr subjektiv und aus dem Bauch heraus. Oft wendet er sich direkt an den Leser, zitiert aus seinen Tagebüchern oder aus prägenden Songs. Doch er lässt auch andere zu Wort kommen: Weggefährten, Freunde oder seine Ex-Frauen und Kinder, deren Erinnerungen seine Sichtweise der Ereignisse nicht selten völlig auf den Kopf stellen. Es gibt nichts zu verbergen, dafür umso mehr zu erzählen – ehrlich, menschlich, emotional und direkt.

„Wer einmal tief im Keller saß” erscheint parallel auch als Hörbuch, jedoch nicht in gewöhnlicher, gelesener Form. Gunter Gabriel erzählt mehr, als dass er liest, interpretiert frei und unterbricht häufig mit seiner Gitarre und einem ihm gerade passend erscheinenden Song. Ein akustisches Abenteuer.

http://www.my-artist.net/guntergabriel

http://www.myspace.com/guntergabriel

Quelle: WMG

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  1. Meine Meinung zu Gunters kläglichen Versuchen, der deutsche Cash zu sein, hier:

    http://jojoclub.musikbloggo.de/5124/Man-in-Schwarz-Rot-Gold/

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