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Interview mit „EAV“ – Erste Allgemeine Verunsicherung

Samstag, 11. Dezember 2010 | By | Category: News

Es gibt wenige Österreicher, die außerhalb ihrer Landesgrenzen bekannt sind. Davon ziehe ich jetzt bekannte, aber wenig sympathische Österreicher wie Haider und Hitler ab, sodass die Zahl im Ausland bekannter und beliebter Österreicher noch einmal merklich schrumpft.  Übrig bleiben wenige, wobei für mich die Musiker der „EAV“ auf jeden Fall dazugehören.

Die Ausnahmemusiker, die nie einen Hehl aus ihren gesellschaftskritischen Ansichten machten, vertreten seit nunmehr über 30 Jahren erfolgreich „ihre“ Alpenrepublik im deutschsprachigen Raum. Und eben weil die Band vor mehr als 20 Jahren auch meinen Musikgeschmack und meine Vorliebe für deutschprachigen Rock mitprägte, war es mir ein besonderes Anliegen, mich mit Klaus Eberhartinger, dem Sänger der Kulttruppe, einmal ausführlicher zu unterhalten.

Klaus_Eberhartinger

Klaus_Eberhartinger

Seht ihr euch mittlerweile in der Nachfolge Georg Kreislers, der auch mit weit über 80 Jahren seine nichtarischen Arien unters Volk mischt?

Klaus Eberhartinger: Vor Jahrzehnten habe ich Georg Kreisler mal live gesehen, schon damals trug er diese dicke Hornbrille, die ihn Jahrzehnte älter aussehen ließ. Und ich dachte nur: „Warum tut man das dem Mann an?“ Als er sich dann aber ans Klavier setzte und ein neues Stück spielte, war ich absolut begeistert. Er ist seitdem auf jeden Fall ein musikalisches Vorbild und Vergleiche mit ihm finde ich schon schmeichelhaft.

Ist Georg Kreisler auch ein Beispiel dafür, dass man im Musikbusiness würdevoll altern kann?

Klaus Eberhartinger: Kann man wirklich im Musikbusiness würdevoll altern? Ich würde die Frage verallgemeinern und fragen, ob man generell in Würde altern kann. Oder ob es nicht eher eine Frage des Akzeptierens ist, dass Bewegungsabläufe usw. nicht mehr ganz so schnell und problemlos wie in jungen Jahren funktionieren.

Seit über 30 Jahren legt ihr den Finger in die offene Wunde, indem ihr in euren Songs kritische Töne zu gesellschaftlich-relevanten Themen anschlagt. Die meisten Songs haben innerhalb dieser Zeitspanne leider nichts an Aktualität verloren…

Klaus Eberhartinger: Inhaltlich haben viele unserer Songs nichts von ihrer Aktualität verloren, das stimmt schon. Am Beispiel von „Burli“ bzw. der neuen Version „Burli 3000“ wird das ganz deutlich. „Burli“ wurde damals nach Tschernobyl geschrieben, während „Burli 3000“ auch als Reaktion auf die gerade erfolgte Ankündigung der Russen, neue Atomkraftwerke in Indien zu bauen, gesehen werden kann. Die Notwendigkeit der Energieversorgung steht nach meiner Meinung heute weit über der Notwendigkeit des Sicherheitsaspektes für Mensch und Natur. Und ich habe die Befürchtung, dass sich diese Entwicklung noch einmal bitter rächen wird.

Immerhin gibt es ja auch Lichtblicke, wie die neulich erfolgte Erlaubnis des Papstes, Kondome nicht mehr per se zu verteufeln. Muss nun euer Song „Nostradamus“ umgeschrieben werden oder bleibt für euch Papst Benedikt ein Reaktionär?

EAV - live in Karlsruhe

EAV - live in Karlsruhe

Klaus Eberhartinger: Die vor gut 14 Tagen verkündete Entscheidung des Papstes war  sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch gleich mit vielen Einschränkungen verbunden. So soll die „neue Regelung“ ausschließlich für männliche Prostituierte gelten, um sich vor ansteckenden Krankheiten zu schützen. Gut, andere Prostituierte kennt der Papst wahrscheinlich auch nicht.

Nichtsdestotrotz wird sich durch diese schwache Lockerung des „Kondom-Verbots“ nichts an der Lage vieler gläubiger Menschen in Afrika und Südamerika ändern.  Für mich ist Papst Benedikt allerdings kein Reaktionär, weil seine Kirche noch nie den Anspruch auf demokratische Werte oder Mitsprache erhob, wohl aber auf ihre Unfehlbarkeit. Ich jedenfalls habe den Glauben an den Fortschritt in der katholischen Kirche verloren.

Bei „Obama“ huldigt ihr dem neuen Politpopstar, der bis jetzt allerdings noch nicht so viele Wunder vollbracht hat. Habt ihr ein größeres Problem, solch einen charismatischen Politiker in euren Songs zu kritisieren, als beispielsweise einen Georg W. Bush?

Klaus Eberhartinger: Nach acht Jahren Georg W. Bush kam nun dieser Mann, den auch ich ernsthaft als eine politische „Lichtgestalt“ bezeichnen möchte. Sicher kein Erlöser, aber ein durch und durch charismatischer Politiker, der die Probleme des Landes offensiv angeht und deshalb viel Gegenwind erfährt. Von den Lobbyisten, den Republikanern usw. Daher stimmen viele Passagen des Liedes wirklich mit meiner Meinung überein, obwohl es auch hier natürlich nicht ganz ohne Ironie ging.

Solche Politiker sucht man hierzulande vergebens. In Deutschland sind die neuen Helden eher die Fernsehköche, wie ihr im Lied  „Neue Helden braucht das Land“ behauptet.

Klaus Eberhartinger: Nicht nur die, eigentlich zählen zu den neuen Helden auch die Teilnehmer der unzähligen Castingshows im TV. Oder die Prominenten, die für das RTL-Dschungelcamp rekrutiert werden. Vor einiger Zeit kam unser Management auf mich zu und fragte mich allen Ernstes, ob ich nicht am Dschungelcamp teilnehmen möchte. Aus Marketinggründen, versteht sich. Geld wurde natürlich auch geboten. Ich würde jedoch für kein Geld der Welt bei dieser Sache mitmachen! Nein, so tief möchte ich niemals sinken!

Kommen wir nun zu eurem neuen Live-Programm: Werdet ihr auch neuere EAV-Hits wie „Drei weiße Tauben“ und „Bitte Bier“ spielen, die für eure Verhältnisse eher wenig mit Ironie arbeiten und sogar am Ballermann gespielt wurden?

Klaus Eberhartinger: „Drei weiße Tauben“ war wirklich ein solcher Ballermann-Hit, obwohl das keiner von uns so erwartet hätte. Bei Stefan Raab wollten wir mit dem Song dann doch nicht live auftreten. Das wäre ein bisschen zu viel des Guten gewesen…

„Bitte Bier“ hingegen war nie ein massentauglicher Hit, wurde meines Wissens selten bis nie am Ballermann gespielt und enthält unverschlüsselte Ironie („Wer rief nur die bösen Geister, alle Männer stehen schief / Kümmel, Korn und Jägermeister – wehe wer den Fusel rief /Viele sind ins All geflogen durch das eig’ne Schädeldach / Doch ich nehme keine Drogen, leg mich nur mit Hopfen flach). Deutlicher geht es eigentlich kaum.

Das stimmt wohl. Bemerkenswert finde ich, dass Lieder wie „Ba-Ba-Banküberfall“ und der „Märchenprinz“ immer noch zu jeder  „EAV-Show“ gehören, musikalisch und teilweise auch textgemäß aktualisiert wurden. So wird bei „25 Jahre Märchenprinz“ über das mittlerweile nicht mehr ganz so unbeschwerte Leben des früheren „Schlümpferstürmers“ berichtet. Ein Leben, welches von Schmerztabletten und Potenzmitteln geprägt wird. Trägt dieser Song autobiografische Züge?

Klaus Eberhartinger (lacht): Was soll ich sagen? Das ist mein Leben! Thomas Spitzer hat mir dieses Version zu meinem 50. Geburtstag „geschenkt“ und ich fand sie so genial, dass ich sie unbedingt im neuen Programm haben wollte.

Gibt es schon Pläne für 2011?

Klaus Eberhartinger: Ja, und zwar wird es möglicherweise zu einer „EAV-unplugged-Tour“ kommen, bei der auch vorgelesen wird. An einem neuen Album werden wir wahrscheinlich ebenfalls arbeiten, aber veröffentlicht wird es im nächsten Jahr noch nicht. Und dann möchte ich mich noch etwas mehr der Malerei widmen.

Dann viel Erfolg und vielen Dank fürs Interview!

Das Interview führte Sven D. von track4.de

eav.at

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