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Interview mit Terrorgruppe

Freitag, 27. Juni 2014 | By | Category: News

Ausbruch aus dem „subkulturellen Inzest“?
Archi und Johnny Bottrop über die Reunion der Terrorgruppe

Terrorgruppe 2014

Terrorgruppe 2014

In einem Fanzine-Interview vor einigen Jahren gab Archi an, bis zum Jahr 2014 in einem japanischen Sexfilmchen mitspielen zu wollen. Stattdessen gibt es zufälligerweise nun eine Reunion der Terrorgruppe. Ist das alles möglicherweise ein geschickter PR-Schachzug, um sich vor den investigativen Nachfragen der kritischen „Pogo-Presse“ zu schützen?

Archi: Davon weiß ich ehrlich gesagt nichts mehr. Das soll ich gesagt haben?! Ich kenne kaum Asiaten, geschweige denn Asiaten, mit denen ich einen Porno drehen könnte. Und  Pornos sind sowieso nicht so mein Ding, am ehesten noch Transen-Pornos.

Johnny Bottrop: Würdest du bei so einem Filmchen mitspielen?

Archi: Vielleicht in einer Nebenrolle, als Hausmeister oder so. Aber eigentlich bin ich kein  „kamerageiler“ Mensch

Gilt das auch für den Dreh von Musikvideos?

Archi: Nein, das macht mir viel Spaß. Aber prinzipiell bin ich der Meinung, dass ich mein Gesicht nicht in jede Kamera halten muss.

Lulu, die Sängerin von „The Toten Crackhuren im Kofferraum“, sagte vor ein paar Monaten, dass der harte Kern der Berliner Punkszene überschaubar sei und so gut wie jeder jeden kenne und man beinahe vom „subkulturellen Inzest“ sprechen könne. Ist die Reunion der Terrorgruppe die Möglichkeit, aus diesem Zustand auszubrechen und nach frischem „Punk-Genmaterial“ in der gesamten Republik Ausschau zu halten?

Archi: Eigentlich haben wir keinen Bock, neue Leute kennen zu lernen. Wir kennen genug nette Leute und sind selbst sowieso die tollsten Typen.

Johnny Bottrop: Unser erstes Konzert fand übrigens mit eben jener zitierten Lulu (damals mit „Lulu und die Einhornfarm“, Anmerk. d. A.) im Vorprogramm statt. Wenn das kein Inzest war, dann weiß ich auch nicht…

Apropos: „Inzest im Familiengrab“ lautet der provokative Titel eurer neuen EP, die Ende August erscheint. Was könnt ihr vorab verraten?

Johnny Bottrop: Es sind vier Songs auf der EP. Drei Songs klingen ein bisschen trashig, ein bisschen nach Garage und ein Song ist, wie üblich bei uns, komplett anders. Aber mehr verrate ich an dieser Stelle nicht.

Archi: Die EP ist wie alle Terrorgruppe- EPs einem Konzept untergeordnet; so gibt es auf der A-Seite „Opa Punk“ sind zwei Songs über untote Zombies wie Thilo Sarrazin und Helmut Kohl und auf der B-Seite „Teen-Pop“ stigmatisieren wir magersüchtige Teenager.

Als Punkrockband geht ihr also gegen Minderheiten vor. Beißt sich das nicht?

Terrorgruppe - Mehr als heiße Luft

Terrorgruppe – Mehr als heiße Luft

Archi: Nein, es ist immer noch die Aufgabe der Terrorgruppe, politisch unkorrekt zu sein. Und die Themen sind heute die gleichen wie  vor über 20 Jahren, als die Terrorgruppe entstand. Auch heute nervt die CSU, Angela Merkel und selbst mein Skateboard ist immer noch wichtiger als Deutschland. Wobei, eigentlich fahre ich lieber Longboard…

Gerade beim Lied „Angela“ hattet ihr damals anscheinend eine besondere Eingebung, denn auch viele Jahre nach seiner Entstehung ist es zeitlos geblieben.

Archi: Ja, obwohl ich im Song „Opposition“ durch „Große Koalition“ ersetzen musste, ist er inhaltlich topaktuell.

Zahlreiche Konzerte und eine EP, ihr scheint recht umtriebig zu sein. Ist euer alter Leitspruch vom „Recht auf Faulsein“ mittlerweile nur noch eine hohle Phrase?

Archi: Wir haben alle noch nebenbei Projekte laufen. Ich bin bestimmt nicht untätig, aber im Sinne der Leistungsgesellschaft, in der es vermutlich nur darum geht, die Kohle der Mitmenschen abzuzocken, bin ich schlichtweg ein Leistungsverweigerer. Und ich kann jedem nur raten, öfter einmal faul zu sein. Macht nur das, was euch wirklich Spaß macht! Und schlaft vor allem viel!

Johnny Bottrop: Wie du weißt, bin ich noch bei Destiny Records beschäftigt und diese Tätigkeit macht mir soviel Spaß, dass ich z.B. bei jeder neuen CD-Aussendung dem Fanziner noch ein paar persönliche Zeilen per Hand schreibe. Das kostet Zeit, aber es ist für mich keine Arbeit im herkömmlichen Sinne, sondern bedeutet puren Spaß. Das mache ich jedes mal solange, bis mir irgendwann um 1 Uhr nachts die Hand abfällt.

Archi: Und ich finde außerdem, dass zu unserer Grundeinstellung auch die „Lust am Scheitern“ gehört. Die ist wichtig, um nicht in den Mühlen der Ellenbogengesellschaft unterzugehen.

Die „Lust am Scheitern“ könnte auch ein Slogan der satirischen Partei, „die Partei“ sein.  Gibt es von eurer Seite Pläne, den neuen Stern am europäischen Sternenhimmel  bzw. im Europäischen Parlament durch einen Soundtrack zu unterstützen?

Archi: Also ich bin auch selbst Parteimitglied und könnte mir das sehr gut vorstellen, wenn es ein vernünftiges Konzept gibt.

Johnny Bottrop: Oder wir warten, bis die KPD sich wieder gründet und vertonen dann nur noch Brecht-Stücke. Das ist dann unser Beitrag für das gehobene „Entertainment-Proletariat“.

Wie steht es eigentlich um euren Beitrag für die hedonistische Heilsfront und gegen religiöse Fundamentalisten wie Osama bin Laden und Co.?

Archi: Wir haben nach den Terroranschlägen 2001 uns gleich eine Strategie überlegt und Osama bin Laden auf Schadensersatz angeklagt, weil er unseren guten Namen beschädigt hat. Leider kam es vor seinem Tod zu keinem Urteil zu unseren Gunsten…
Doch auch hierzulande gibt es genügend Fundamentalisten wie den Berliner Rapper „Deso Dogg“. Dieser befindet sich allerdings momentan als Gotteskrieger in Syrien und wurde anscheinend kurz nach seiner Anreise schwer verwundet. Den werden wir wohl nicht mehr so schnell in Berlin sehen.

Während im Nahen Osten gerade die Religionen für erneutes Blutvergießen sorgen, sorgen wir uns in Europa beispielsweise um die Stabilität der europäischen Währung und der europäischen Gemeinschaft. Doch der große Protest bleibt bis auf  Ausnahmen von Großdemonstrationen von Occupy und Attac aus. Woran liegt das eurer Meinung nach?

Johnny Bottrop: Das ist aus meiner Sicht ein Mitverschulden der Medien, denn die berichten nur über einen kleinen Teil-Ausschnitt aller Ereignisse. Und das natürlich selten aus objektiver Sichtweise. So werden dann Nachrichten über bestimmte Ereignisse, Menschen, Bands usw. verbreitet, die die herrschenden Verhältnisse hier bei uns nicht in Frage stellen. Warum wurde über denn der Skandal um „Pussy Riot“ hier in Deutschland und im Westen so sehr an erster Stelle berichtet? Was wäre wohl passiert, wenn die jungen Damen so etwas in einer Kirche in Texas oder sonst wo im Mittleren Westen gemacht hätten? Die wären vielleicht sofort von einem Lynchmob gekillt worden, aber in der Tagesschau hätte dann viel weniger Reporter danach gekräht.
Oder wenn es um die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben geht, zeigen alle gerne mit dem Finger auf Russland und andere Staaten, eben auf Länder, die meist eine schwere und harte Entwicklung in den letzten Jahrzehnten  mit vielen drastischen Umbrüchen und Massenelendten hat, während wir hier im goldenen Westen etc… Doch auch in Deutschland gab es bis 1994 einen Paragrafen zur Bestrafung von Homosexualität …

Im Grunde ist unser System aus meiner Sicht vor allem nur für eine Oberschicht demokratisch. Es gibt freie Wahlen, wichtige Grundrechte und vieles mehr, doch sobald Situationen wie während der EZB-Demo 2013 in Frankfurt entstehen, hat es den Anschein, als würden die Eliten und sogenannte Entscheidungsträger nur darauf warten, tagelang oder wochenlang die einfachsten Grundrechte für alle Bewohner einzuschränken.  Diese Demokratie ist für mich wie eine dünne Eierschale, sobald mal bei Demonstrationen oder Streiks die wirklich wichtigen Fragen nach dem großen Ganzen und der Teilhabe daran formuliert werden, dann ist´s vorbei mit Demonstrationsrechten, Mitbestimmung, Grundrechten oder Privatsphäre. Die dünne Schale platzt und darunter hervor kommt ein zähflüssiger stinkender Brei aus autoritärem Gehabe, Anmaßung, Gewalt und Obrigkeitsdenken.

Nein, politisch korrekt bzw. bequem sind die Jungs von der Terrorgruppe noch immer nicht. Sie haben eine Meinung, die aneckt, sich abhebt und neben dem ganzen „Arschraketen-Klamauk“ fester Bestandteil der Aggro-Popper ist.
Vielleicht wollen die Jungs nicht einmal in erster Linie, dass man ihnen in jedem Punkt zustimmt, sondern, dass man über viele Dinge des Alltags selbst nachdenkt und kritisch hinterfragt und nicht willenlos einer Person, einer Sache etc. hinterherläuft, nur weil sie angeblich „alternativlos“ ist…

Sveni

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