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Interview mit Wölli

Freitag, 11. November 2011 | By | Category: News

Die Songs des Albums „Das ist noch nicht alles“ erinnert mich ein Zitat von Woody Allen, der mal sinngemäß sagte, dass man das Leben nicht zu ernst nehmen solle, denn zum Schluss komme man doch nicht lebend davon.

Wölli: Ein kluger Spruch von einem klugen Menschen. Da hat der gute Woody einfach Recht.

Wölli - Foto: Schiko

Wölli - Foto: Schiko

Du singst von dritten Zähnen, Bypässen und Herzschrittmachern („Ich fühl´ mich wunderbar“), wobei das schnelle Tempo einiger Songs alles andere als „herzfreundlich“ sind. Gab es bei den Aufnahmen erhöhten Bedarf an „Doppelherz“ und Co.?

Wölli: Doppelherz, Klosterfrau Melissengeist und was es sonst noch alles für Mittelchen in der Apotheke für Männer in den besten Jahren gibt. Ich bin vermutlich der erste Musiker, der so freizügig über seine Zipperlein berichtet. Aber Spaß beiseite. Die im Song beschriebenen dritten Zähne etc. habe ich zwar (noch) nicht, aber auch ich merke, dass ich keine 20 oder 30 Jahre mehr alt bin. Auf dem linken Ohr höre ich noch 40 %, auf dem rechten 60%. Und auch die Brille gehört mittlerweile zur „Standard-Ausrüstung“.

Aber hey! Wenn ich auf der Bühne stehe, ist das alles egal und ich gebe 100% und rocke, was das Zeug hält. Ich verspüre momentan unglaublichen Spaß am Touren, auch wenn der Touralltag anstrengend ist.

Im Interview zum Hosen-Film „Drei Akkorde für ein Hallelujah“ sagst du unter allgemeinem Gelächter, dass Punkrock nicht jung halte. Seither ist ein Vierteljahrhundert vergangen, aber dein Sinn für Ironie scheint nicht einem- oftmals dem Alter geschuldeten- Zynismus gewichen zu sein.

Wölli: Nein, warum sollte er auch? Der Grundtenor meines Lebens ist doch, dass ich das Leben liebe. Immer noch. Ich habe mich nie unterkriegen lassen, selbst damals, als ich nach meinem Autounfall mit gebrochenen Knochen im Koma lag.

Apropos Lebensfreude: Beim ersten Hören gefiel mir der Song „Ich liebe das Leben“ nicht, mittlerweile ist es mein Lieblingssong. Wie lautet seine Entstehungsgeschichte?

Wölli - Foto: Schiko

Wölli - Foto: Schiko

Wölli: Diesen Song habe ich mit der Band „Pilot“ eingespielt, die ebenfalls auf meinem Label „Goldene Zeiten“ vertreten ist. Ich habe schnell gemerkt, dass der Song zur mir passt und wenn man es so will, waren die Aufnahmen für mich Anstoß, eine neue Karriere als Sänger zu starten.

Ich wähle da manchmal ganz bewusst ein Bild aus der „Fußballer-Sprache“, wonach „keiner gerne auf der Bank sitzt“. Auf mich bezogen bedeutet dies, dass mir die Label-Arbeit zwar immer noch Spaß macht, aber es was anderes ist, als Sänger im direkten Kontakt mit dem Publikum zu stehen. Live haben wir das Lied übrigens auch im Programm. Es wurde so umarrangiert, dass es richtig knallt und beim Publikum sehr gut ankommt.

Erwartet das Publikum live auch Hosen-Songs von dir?

Wölli: Einige Leute dachten aufgrund der Single „Alles noch mal von vorn“, bei der Campino und Kuddel mitmischen, dass sich das ganze Album so anhören müsste. Die waren dann eher enttäuscht, dass dem eben nicht so ist.
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, keine Kopie der Toten Hosen sein zu wollen. Ich denke, dass das eine richtige Entscheidung war, denn die Reaktionen auf unsere neuen Songs, gerade auch bei den Konzerten, waren zu 99,99% positiv.

Inwieweit hat dich die Zeit bei den Hosen geprägt und wie sehr kannst du davon mit deiner neuen Band profitieren?

Wölli: Die Hosen sind meine Freunde und die 15 Jahre als Schlagzeuger der Band waren für mich eine unglaublich spannende Zeit. Und natürlich eine unglaublich erfolgreiche Zeit. An diese Erfolge wird die „Band des Jahres“ mit mir niemals anknüpfen können. Und da bringt mir auch mein Ruf als „ehemaliger Hosen-Schlagzeuger“ gar nichts, davon kann ich mir heutzutage nichts mehr kaufen! Wir haben als Band die gleichen schwierigen Bedingungen wie jede Anfängerband: Wenige CD-Verkäufe und nicht immer ausverkaufte Club-Konzerte. Aber es macht trotzdem tierischen Spaß!

Beim Album wird stets der Blick nach vorne gerichtet („Alles noch mal von vorne“ oder „Blick nach vorn“). Stand für dich nie zur Debatte, über Vergangenes zu berichten? Es hätte sich doch für dich durchaus angeboten, aus deinem reichhaltigen Erfahrungsschatz zu berichten.

Wölli: Ich habe in meinem bisherigen Leben immer nur den Blick nach vorne gerichtet, vielleicht auch deshalb, weil ich stets mit jüngeren, also viel jüngeren Menschen zu tun hatte. Das war schon so, als ich Mitte der achtziger Jahre Schlagzeuger der Hosen wurde. Da war ich bereits 36, während die Jungs Anfang/Mitte 20 waren. Nach den 15 Jahren bei den Hosen veranstaltete ich die „Rock am Turm“ – Konzerte, bei der ich wieder mit viel jüngeren Menschen arbeitete. Und bei meinem Label „Goldene Zeiten“ ist es haargenau so.

Recht herzlichen Dank für das Interview!

Interview mit Wölli by Sven Dehoust / track4

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