RSS Feed abonnieren


Newton Faulkner „Rebuilt By Humans“ VÖ: 25.09.09

Dienstag, 22. September 2009 | By | Category: News

Es gibt ganz offensichtlich einen ziemlich guten Grund, warum Brit-Nominee Newton Faulkner seinem zweiten Album den Titel „Rebuilt By Humans“ gegeben hat. Es ist genau der gleiche Anlass, der den 24-jährigen dazu zwang, die Aufnahmen für den Follow-Up zum Debütalbum „Hand Built By Robots“ um ganze zweieinhalb Monate zu verschieben: Anfang 2009 brach sich der britische Singer-Songwriter das Handgelenk und kugelte sich die rechte Hand aus. Normalerweise ist dies schon ein ziemlich schlimme Verletzung, für einen Gitarristen, zumal einen virtuosen Fingerpicking-Zauberer wie Faulkner, eine einzige Katastrophe.

 Newton Faulkner - Credit: Kayt Jones

Newton Faulkner - Credit: Kayt Jones

„Ich war auf Familienurlaub in Frankreich“, erinnert er sich, „und bin extra nicht Ski gefahren, weil ich nichts riskieren wollte, denn ich hatte geplant, zwei Tage nach meiner Rückkehr mit den Arbeiten am Album zu beginnen. Dann rutschte ich aber auf dem kurzen Weg zwischen Eingangstür und Auto aus, und landete extrem unglücklich. Ich war der einzige in diesem Urlaub, der im Krankenhaus landete“, sagt er heute mit einem schiefen Grinsen.

Die französischen Ärzte, Experten in der Behandlung ramponierter Skifahrer, wollten Faulkners Hand sofort für zweieinhalb Monate in Gips legen. Nach der Entfernung, so sagten sie ihm, würde er allerdings einen Gutteil seiner Beweglichkeit eingebüßt haben. Alles in allem keine allzu euphorisierenden Neuigkeiten. Es folgten zahlreiche Telefonate mit Spezialisten in der britischen Heimat. Dabei erfuhr Faulkner von einer neuen Behandlungsmethode, bei der man eine spezielle Platte verwendet, um den zertrümmerten Knochen wieder zusammen zu fügen. Sofort fasste er den Plan, nach Hause zu fliegen und sich gleich am folgenden Tag der Operation zu unterziehen. Doch er hatte die Rechnung ohne den französischen Arzt gemacht: dieser sagte ihm, er könne ihn nicht fliegen lassen, bevor der Knochen nicht von den Nerven separiert worden sei. Und damit nicht genug: bei der Aktion, die Hand wieder einzurenken und halbwegs wieder in die ursprüngliche Form zu bringen, käme leider keine örtliche Betäubung in Frage.

„Es war die schmerzhafteste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe“, sagt er, während er über die riesige Narbe streicht, die sich quer über sein Handgelenk zieht. Aber einer wie Faulkner, dessen positive Vibes und Spaß am öffentlichen Musizieren auf den Bühnen der Welt Songs wie „Dream Catch Me“ und „I Need Something“ hervor brachte, lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Im Gegenteil: die Erfahrung gab dem Musiker, der von seinem ersten Album 2007 mehr als eine Million (!) Exemplare verkauft hatte, zum Festival-Abräumer wurde und die Airplay-Hitlisten stürmte, sogar einen zusätzlichen Kick. „Meine Reaktion war nicht das, was ich erwartet hatte. Natürlich war es ein unglaublicher Schmerz, aber ich war einfach so beeindruckt, dass ein so dermaßen starkes Signal auf einen Schlag an mein Gehirn geschickt werden kann. Anstatt zu schreien oder zu weinen, rief ich nur ‚woooooah, das war unglaublich!’“ Seine gesunde Neugier, sich über die Dinge wundern zu können, bewahrte ihn davor, vor Schmerz in Ohnmacht zu fallen. Und Faulkner konnte nach Hause fliegen.

Zurück in England wurde am nächsten Tag sein Handgelenk aufgeschnitten und mit  Hilfe von neun Stiften eine Platte an seine Knochen geschraubt. Nur wenige Tage später spielte Faulkner wieder heimlich auf seiner Gitarre, sozusagen seine ganz eigene Form der Selfmade-Physiotherapie. Doch endlich konnte er wieder das tun, was am liebsten tat. Newton Faulkner war sozusagen von Menschen wieder zusammen gebaut worden. Voilà: der Albumtitel war geboren.

Zwischen den beiden Alben war Newton Faulkner eigentlich pausenlos auf Tour. Er spielte praktisch bis zum Jahresende 2008 Gigs, einerseits, weil die Fannachfrage so groß war, andererseits, weil er es so wollte. Faulkner liebt es ganz einfach, live aufzutreten, sei es in Clubs, Höhlen, Theatern, Festivals und Heißluftballons (dies tat er im Rahmen einer Radiosendung über den Schweizer Alpen).

„Es ist recht schwierig, die Höhepunkte dieser Zeit alle aufzuzählen“, erklärt er, „es sind einfach so viele verrückte und großartige Dinge passiert. Schon alleine das Reisen macht mich glücklich, ich liebe es, jeden Tag an einem anderen Ort zu sein. Die Herausforderung, dauernd irgendwelche Bruchstücke einer anderen Sprache aufzuschnappen, super!“

„Ich kann eigentlich immer noch nicht ganz glauben, dass dieser Heißluftballon-Gig tatsächlich stattgefunden hat. Es war außerdem mein 23. Geburtstag. Wir stiegen auf und ich spielte meine Songs in einem Ballon in der Schweiz, meine Perfomance wurde lediglich von dem Krach unterbrochen, den der Pilot machte, wenn er die riesigen Brenner anwarf, damit wir nicht abstürzen. Dann landeten wir und mir wurde ein Doppel-Platin-Award überreicht. Den Rest des Abends verbrachte ich in einem höchst eigenartigen Club, in den deutscher Techno lief. Was für ein großartiger Geburtstag…“

Eine ziemlich tolle Zeit hatte er auch in Australien, einem Land, das seine Musik sofort ins Herz schloss, ebenso Japan. „Ich unternahm eine recht verwegene Solo-Mission in Tokyo. Ich war mit einem Typ dort, der eine Lebensmittelvergiftung hatte. Ich sagte mir: ‚Ich gehe doch in einer Stadt wie Tokyo nicht um sechs ins Bett.’ Also zog ich ganz alleine los, kam am nächsten Tag um halb zehn erst wieder heim und war völlig am Ende. Ich habe keine Ahnung, wie ich heimkam. Irgendwelche Barleute hatten mich wohl ‘adoptiert’ und sie schleppten mich durch die ganze Stadt. Ich habe einige Erinnerungsfragmente, die wirklich seltsam sind, z.B. wie ich um neun Uhr morgens ‘Bring Your Daughter To The Slaughter’ von Iron Maiden singe und dabei Apple Sour trinke.“

Dieses ganze wie-ein-Verrückter-durch-die-Welt-hetzen (er spielte sogar während der Aufnahmen zu seinem ersten Album Konzerte) bedeutete allerdings auch, dass er von dem Erfolg seiner Single „Dream Catch Me“ in den UK Charts nicht allzu viel mitbekam. „Ich kam irgendwann zurück nach England, um ein Festival zu spielen und konnte einfach nicht glauben, dass alle Leute den Text kannten. Und das nicht nur zu diesem Song, zu allen meinen Liedern. Das war der Moment, an dem mir klar wurde, dass die Sache tatsächlich funktioniert.“

Angetrieben vom Radio-Airplay wurde „Hand Built By Robots“ eines jener seltenen und großartigen Erscheinungen: ein Mund-zu-Mund-Propaganda-Phänomen. „Eigentlich gab es zum Album keinen großen Hype. Ziemlich viele Künstler kamen zur selben Zeit raus, ich sah sie überall… und dann gab es da halt noch mich.“ Doch als die Albumverkäufe durch die Decke gingen und die Touranfragen nicht enden wollten, fragte er sich irgendwann: wann werde ich mal wieder Zeit haben, um wieder ins Studio zu gehen?

Es gab allerdings noch ein anderes Problem. „Ich hatte mir irgendwie eingebildet, dass ich zwei Jahre lang neue Songs geschrieben hätte“, schmunzelt er heute, „ich hatte sogar ein Meeting mit meiner Plattenfirma, dem ich ganz relaxed entgegen sah, denn ich war der festen Überzeugung, ich hätte tonnenweise neues Material. Bei dem Meeting stellte ich dann allerdings fest, dass ich jede Menge Ideen hatte, aber keine davon war fertig. Plötzlich bekam ich Panik. Aber das war das Beste, was mir passieren konnte – das machte mir richtig Feuer unter dem Hintern.“

Von einem Moment zum anderen erwachten einige der embryonalen Ideen zu farbenfrohem Leben. Einer der ganz frühen Songs war „If This Is It“, Faulkners euphorische Hymne an die Freuden des Live-Auftretens. Auf einem Album, das vor hittigen Melodien nur so strotzt, war das Stück die völlig offensichtliche erste Single-Wahl. „Man kann mit der Stimmung alles verbinden, was man gerne tut, aber ursprünglich handelt es vom Live-Spielen. Der Song beschreibt das Gefühl, das ich dabei habe: ‚DAS ist genau, was ich machen will! Das ist cool!’ Er handelt davon, wie fantastisch es ist, mit diesen vielen Menschen zu kommunizieren, und wie sich das anfühlen kann. Und wenn die Leute den Song erstmal kennen, dann wird es auf der Bühne ganz neue Formen annehmen. Ich kann es gar nicht erwarten.“

Faulkner schrieb „If This Is It” in einer Kellerwohnung hinter dem weltberühmten Kaufhaus „Harrods“ in Knightsbridge, einer Gegend, die er deswegen auswählte, weil er dort niemanden kannte. Und weil er null Interesse verspürte, im poshen London auszugehen. Diese vorsätzliche Selbstbeschränkung legte er sich auch bei den Aufnahmen auf. „Rebuilt By Humans“ entstand überwiegend in einem winzigen Raum unter der Treppe in den Londoner „Miloco“-Studios. Darin war gerade mal Platz für Faulkner und Produzent Mike Spencer, und somit keinerlei weitere Ablenkung.

„Mike und ich hatten zusammen ein paar Stücke für das erste Album gemacht, und er war sehr begeistert von meinen Ideen für das zweite, welchen Sound ich mir dafür vorstellte. Er verstand sofort, was ich mit dem Album erreichen wollte. Und er ließ mich experimentieren. Ich glaube nicht, dass es eine Idee gab, die wir nicht ausprobiert haben. Das erste Album entstand sehr gehetzt, aber bei diesem hatten wir Zeit, alle Fehler zu machen, die man einfach machen muss.“

„Der Aufnahmeprozess war recht unglamourös“, erinnert er sich. „Aber das war auch sehr hilfreich, Milioco ist nicht der Ort, wo man rumhängt und bis morgens säuft und quatscht. Es ist ein Arbeitsraum, es gab dort nichts, außer zwei Stühlen, einem Bildschirm und Lautsprechern. Das war’s eigentlich. Und das gab der ganzen Sache schließlich eine große Portion Intensität, die sich in einem größeren Raum wohl nicht entwickelt hätte.

„Es waren auch mehr Hände im Spiel. Mike editierte, während ich auf den Synths rumdudelte, um den Sound zu finden, den ich in meinem Kopf hatte. Das dauerte eine ziemliche Weile, weil ich keine Ahnung hatte, wie die ganzen Sachen funktionierten! Ich habe auch viel mit meiner Stimme gemacht – auf der Platte gibt es Sounds, die wie Synthesizer klingen, die aber in Wirklichkeit meine Stimme sind.“

Beim epischen „Won’t Let Go“ fand Faulkner jedoch einen Weg, der spartanischen Welt seines Londoner Arbeitsplatzes zu entfliehen. Es ist das Ergebnis eines ganzen Tornados toller Ablenkungen. „Ich schrieb den Song in einem Hotelzimmer in Tokyo. Ich war dort, um mit Cornelius zu arbeiten, den schon immer liebe. Wir hatten einige Songwriting-Sessions zusammen. Das ist etwas, was er normalerweise nicht macht.“ Faulkners Begeisterung als Fan des japanischen Produzenten und die Sprachbarrieren führten zu einer ganzen Reihe von nervösen Momenten im Studio. Doch das Endresultat ist phänomenal: „Won’t Let Go“, mit seinen treibenden Streichern und dem hüpfenden Beat, ist bereits jetzt ein Live-Klassiker, wie die Besucher der diesjährigen Glastonbury- und Latitude-Festivals bestätigen können. Nicht zuletzt, weil Faulkner den Song begleitet von einem Backing-Track-Tape spielt, das er aus seiner Tasche zieht und in den Kassettenrekorder einlegt.

„I’m Not Giving Up Yet“ ist ein weiterer, brandneuer Live-Favorit. Auf seiner jüngsten UK-Tour, auf der er das neue Material testete und die Song-Interludes für „Rebuilt By Humans“ aufnahm, beendete Faulkner seine Sets mit der weitestgehend akustischen und durchweg elektrisierenden Ballade.

Das wunderschöne, herzergreifende „Resin On My Heart Strings“ (“you put resin on my heartstrings, you make ‘em sing”) besticht durch gesangliche Intensität. Newtons Stimme klingt wie ein Theremin, ein Klang, den der Produzent als „Chor ohne Gesicht“ bezeichnet. Das Album beginnt unterdessen mit dem unwiderstehlich funky Groove des Songs „Badman“, den Faulkner für seinen Bruder schrieb. „Over And Out“ ist ein erhebender Song, der uns daran erinnert, dass er nicht nur ein talentierter Musiker ist, sondern auch ein wirklich kraftvoller und versierter Sänger.

Newton Faulkner ist ein Purist, wenn es um die Liebe zur Musik geht, er ist angetrieben von der brennenden Leidenschaft, seine Songs mit der Welt zu teilen. Mit seinem zweiten Album vermied es der sympathische Brite wohlweißlich, die offensichtlichen Wege zu beschreiten. Neben seinen nahezu alchemistischen Fähigkeiten an der Gitarre war es Newton wichtig, diesmal viele weitere Klangfarben beizumischen: man achte z.B. auf die clevere Verwendung von Synthesizern, Streichern und der Bassmelodica, die er extra aus den USA importieren ließ. Man höre sich auch unbedingt „Been Thinking About It“ an, einen behutsamen, akustischen Folksong, der komplett live eingespielt wurde.

Newton Faulkner -  Credit: Kayt Jones

Newton Faulkner - Credit: Kayt Jones

Und man halte Ausschau nach den kommenden Live-Terminen und dort besonders auf die technisch gerissenen Präsentationsformen, die sich Newton Faulkner ausgedacht hat, um die Backing Tracks der neuen, ambitionierten Songs vom Studio auf die Bühne zu transportieren. Letztendlich möchte der Volkspoet und stets auf Achse befindliche Gitarrist und Troubadour, dass „Rebuilt By Humans“ etwas ganz Besonderes bewirkt. „Ich wollte die ganzen zweite-Album-Klischees vermeiden: wie toll alles gelaufen ist und wie viel harte Arbeit darin steckt“, sagt Faulkner. Selbst die Qualen seiner Verletzung und der langsame Heilungsprozess gereichten zu seinem Vorteil. Die Verzögerung bedeutete, dass er noch einige weitere Killer-Songs schreiben konnte, darunter „Badman“ und das erdige „Lipstick Jungle“. „Die letzten Jahre waren wirklich fantastisch und wenn morgen schon alles vorbei wäre, dann gäbe es nichts, was ich bereuen müsste”, fährt er fort. „Es hat unglaublichen Spaß gemacht, dieses Album zu machen, und ich hoffe, man hört ihm das auch an. Das ist auch ein Grund, warum ‚If This Is It’ eine tolle erste Single ist: hoffentlich kommt die Dankbarkeit in dem Song rüber, denn ich bin verdammt dankbar.“

Dank seiner Fans und der Ärzte ist Newton Faulkner wieder da. Er mag jetzt zu einem Teil aus Metall bestehen, aber er nach wie vor zu 100% Herz und Songs.

newton faulkner

newton faulkner

Album: „ Rebuilt By Humans“ – Single: „If This Is It”

http://www.newtonfaulkner.de

Quelle: Sony Music

Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,

One comment
Leave a comment »

  1. […] Gewalt, Vulkanausbruch auf Island und den Behinderungen im internationalen Flugverkehr, musste das Faulkner-Konzert leider abgesagt werden – stattdessen gab es eine Jam-Session mit den noch im Dorf […]

Leave Comment