RSS Feed abonnieren


SEASICK STEVE – Man From Another Time

Mittwoch, 21. Oktober 2009 | By | Category: News

Mit seinem Album I Started Out With Nothing And Still Got Most Of It Left überraschte der über 60-jährige SEASICK STEVE alle Fans handgemachter Musik mit erdigem Blues und kraftvollem Footstomping. In England gab es eine regelrechte SEASICK STEVE-Manie, nachdem der in Norwegen lebende Ex-Hobo aus der kalifornischen Bay Area bei Jools Holland auf BBC aufgetreten war.

Seasick_Steve

Seasick_Steve

Insgesamt eine Viertelmillion Exemplare des Albums, das es auf Anhieb in die Top-10 schaffte, verkauften sich in Windeseile in UK. Und das alles wegen eines Mannes, der allein mit einer alten Gitarre bewaffnet eine ganze Generation von jungen Fans zur Begeisterung trieb. Jetzt hat der junggebliebene Steve sein neues Album fertiggestellt, dessen Titel den erdigen Humor des Mannes einmal mehr auf den Punkt bringt: Man From Another Time.

Komplett geschrieben, Produziert und aufgenommen von SEASICK STEVE, ist Man From Another Time ein hochgradig authentisches Album geworden, das kompromisslos organisch daherkommt. Selbst auf digitale Spielereien wurde zugunsten des warmen Sounds analoger ‚Live’-Aufnahmetechnik verzichtet. Außer den Drums, die von seinem langjährigen musikalischen Begleiter Dan Magnusson gespielt werden, hat SEASICK STEVE auch die Instrumentierung komplett selbst übernommen.

Dazu gehören einige selbstgebaute Instrumente, die er in diversen britischen TV-Shows bereits ausgiebig vorgestellt hat. Etwa eine Ein-Saitige Didley-Bo (ein traditionelles Zupfinstrument, das aus einem Holzstab und einer einzigen Saite besteht und dem Bo Diddley seinen Namen entlehnte), eine viersaitige Gitarre, deren Klangkörper eine alte Zigarrenkiste ist, seine berühmte Trance Wonder-Gitarre, die nur mit drei Saiten bestückt ist (ein großartiges Slide-Instrument), und eine bereits ziemlich heruntergekommene akustische Gitarre. Das alles läuft über einen fünfziger Jahre Fender Tweed-Amp, ein Bändchen-Mikrophon aus den Vierzigern und jede Menge weiterer altmodische Mikros. Für Hall- und Echo-Effekte wurden die natürlichen Gegebenheiten des Aufnahmeraums genutzt, weitere Effekte stammen aus einem Bandecho. Mit anderen Worten: Man From Another Time ist ein grandios schmutziges Album, ein wahres Fest für die Ohren.

„Ich hoffe, dass die Leute durch dieses Album wieder mehr Musik hören wollen, die ohne digitales Equipment auskommt. Dass die Ohren der Leute sich ein bißchen von diesem ganzen hochgezüchteten Scheiß ausruhen können“, so SEASICK STEVE. „Und wenn nicht, hat es mir auf jeden Fall gut getan. Ich und der Computer kommen nicht gut miteinander klar.“

Bei den Aufnahmen stand SEASICK STEVE Soundingenieur Roy Williams zur Seite, gemischt wurde das Album von Vance Powell in den Blackbird Sturios in Nashville, und das Mastering wurde in den Air Studios in London von Ray Staff vorgenommen.

SEASICK STEVE wurde als Steve Wold irgendwann in den Neunzehnvierzigern in Oakland, in der San Francisco Bay Area, geboren, gerade in jener Zeit, als die weißen Kids die schwarzamerikanische Musik entdeckten. Sein Vater Gene spielte Piano in einer Boogie-Woogie-Band, aber STEVE war es nicht gegeben, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er lernte zwar ein bisschen Klavier, „aber meine Hände waren viel zu klein, um damit irgendwo hinzukommen“. Mit sieben Jahren hatte er zum ersten Mal eine Gitarre in den Händen, in die er sich sofort verliebte. „Das Ding haute mich um. Wie es schon aussah. Sie war so groß wie ich, aber als ich sie sah, wusste ich, dass ich Gitarre spielen wollte.“ Sein Daddy war damit zufrieden und besorgte ihm Unterricht bei KC Douglas, einem Sideman von Mississippi-Bluesman Tommy Johnson.

Seasick_Steve

Seasick_Steve

Nach der Scheidung seiner Eltern lebte STEVE bei seiner Mutter. Aber die psychotische Gewalttätigkeit ihres neuen Lebenspartners gab ihm den Rest: „Ich kam an den Punkt, wo ich dachte: ich leg diesen Kerl um, wenn er so weiter macht.“ Stattdessen packte er seine Sachen und brannte mit 13 Jahren durch. Den Rest seiner Jugend verbrachte er auf dem harten Weg: Er jobbte als Tagelöhner auf Farmen und Jahrmärkten und machte alles, um ein paar Dollars zu verdienen, ohne Papiere vorzeigen zu müssen. Wenn er weiter musste, dann auf einem Güterzug oder per Anhalter. Und natürlich gab ihm auch die Obrigkeit dann und wann einen Platz zum Bleiben – an einem Ort, den man Gefängnis nennt, oder „Juvenile Detention Centre“, wie die Cops das nennen. „Ich wollte gar kein Hobo sein“, so STEVE. „Ich weiß, es haben eine Menge Leute Bücher darüber geschrieben, wie cool das ist, aber ich wollte immer nur abhauen. Und das war die einzige Route, die mir offen stand.“

Mit 16 begann er, als Straßenmusiker über Land zu ziehen. „Es war ziemlich schwierig, Geld damit zu verdienen. Aber je mehr ich spielte, desto weniger wollte ich unter Brücken schlafen.“ Unglücklicherweise wurde der Blues dann bekanntermaßen vom Rock’n’Roll überrannt und STEVEs Musik wurde einfach altmodisch. „Der Country Blues war eine tote Sache in Amerika. Er hatte ein kleines Revival in den Sechzigern, als sie diese ganzen alten Mississippi-Musiker ausgruben. Aber die fanden sich bald in miesen Jobs in Wäschereien oder für Eisenbahn-Linien wieder.“
STEVE ging es nicht anders. In den Siebzigern schlug er sich so durch und versuchte seine damalige Frau und ihre beiden Söhne mit Jobs über Wasser zu halten. Eine zeitlang ging er nach Europa und tingelte als Straßenmusiker durch die Pariser Metro, bevor er wieder in die Staaten ging und in Motels, billigen Absteigen und alten Autos lebte. Das Beste was ihm damals passieren konnte, waren Clubgigs oder kleine Engagements für Studios, in denen er Gitarren für große Namen einspielte, über die er gar nicht sprechen will. „Ich hasse Namedropping, und überhaupt, das waren nur irgendwelche Jobs.“

Als die Achtziger kamen, ließ er sich mit einer norwegischen Kellnerin nieder, die er auf einer Tour kennen gelernt hatte. Im ländlichen Tennessee baute er sich ein kleines Studio auf, das aber nicht so recht in die Gänge kam. „Da lief nur dieser ganze christliche Western & Country-Bullshit, da konnte ich mich nicht einfinden.“ Seine Frau hatte Sehnsucht nach den Fjords – „sie wollte irgendwo leben, wo es wenigstens ein bisschen nach Norwegen aussah“ – und so zogen sie zunächst in die nördliche Region des Staates Washington an die Küste.
Zwei Stunden von Seattle entfernt hatte STEVE ein neues Studio aufgezogen, und plötzlich schaltete das Schicksal einen Gang hoch. „Es stellte sich heraus, dass diese ganze Punk- und Grunge-Geschichte explodierte, und so nahm ich Alben mit Dutzenden von den Grunge-Bands auf“. Seine Arbeit mit Bands wie Bikini Kills und Modest Mouse verschafften ihm einen Namen in der Musikszene Washingtons, und bald zog er die ersten eigenen Live-Bookings an Land. „Alle drehten völlig durch, auch die Kids“, erinnert er sich. „Aber ich war nicht so begeistert. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass mich jemand sehen wollte. Zuhause war ich ja auch nur wie die alte Lavalampe in der Ecke, wenn ich Gitarre spielte.“

Nach zehn Jahren hatte Elizabeth Wold genug von der nordpazifischen Einöde. 2001 bewegte sie ihren Mann, mit ihr und den drei Söhnen (er hat insgesamt fünf) nach Oslo zu gehen. Auf der Reise erhielt er übrigens seinen Spitznamen SEASICK, genauer gesagt, kurz vor der dänischen Küste. „Ich fühl mich nicht gut auf ’nem Boot. Gar nicht. Um die Wahrheit zu sagen, ich mochte meinen Spitznamen nie, aber er blieb an mir kleben.“

In Norwegen hatte STEVE nicht viel zu tun, bis er im Jahr 2003 mit einigen schwedischen Musikern ein paar eigene Country-Blues-Variationen aufnahm, aus denen SEASICK STEVE & The Level Devils: Cheap hervorging. Überraschenderweise drang das Album bis nach England vor, wo einige einflussreiche DJs wie Charlie Gillett und Joe Cush (Resonance FM) seine Songs im Radio spielten und ihn ermunterten, nach London zu kommen. Aber es kam alles anders und wäre fast vorbei gewesen.

2004 hatte SEASICK STEVE einen Herzinfarkt, der zu teilweiser Lähmung führte. Glücklicherweise hatte Elizabeth gerade ihre Kenntnisse als Reha-Krankenschwester aufgefrischt und befand sich in der Nähe. „Ich war nur ein paar Minuten vom Tod entfernt, aber ich hab überlebt“, erinnert sich STEVE. „Und dann stellte ich fest, dass es mich wirklich erwischt hatte. Ich dachte, das war’s mit mir und meiner Musik.“
Seine Frau sah das anders. Als sie hörte, wie er auf einer abgehalfterten Gitarre mit drei Saiten klimperte, bestand sie darauf, dass er seinen 4-Trackrecorder in die Küche holte und ein paar Songs aufnahm. „Manchmal denk ich, dass sie vielleicht Angst hatte, dass ich bald den Löffel abgebe, und dass es ganz schön wäre, noch ein paar Erinnerungsstücke zu haben. Ich hatte jedenfalls überhaupt nicht das Gefühl, ein Album aufzunehmen.“

Aber genau das wurde es, und es gab viele Leute, die genau darauf warteten. Im Jahr 2006 erschien Dog’s House Music (das sich inzwischen mehr als 100.000 Mal verkauft hat) auf dem Indie-Label Bronzerat. Prompt kam eine Einladung zu Jools Hollands Late-Show, in der SEASICK STEVE einen herzhaften Footstomper mit E-Gitarre hinlegte. STEVE, ganz der alte SEASICK STEVE: „Ich hielt den Auftritt für ausgemachte Scheiße und war sicher, dass das Publikum mich ausbuhen würde“. Irrtum: Als er die Show verließ, war er „das neue Ding“, wie man so schön sagt, und die Wege in die europäische Festival-Saison 2007 standen ihm offen.

Nun, mit über 60 kann man darüber schmunzeln: „Jedes Mal, wenn ich vor diesen Tausenden von Menschen auf der Bühne stehe, denke ich: Gottverdammt, wie kann jemand, der nicht gerade der Jüngste ist und noch nie berühmt war, aus dem Nichts einen solchen Erfolg haben? Ich glaube, ich bin einfach zur richtigen Zeit da gewesen. Die Leute haben die Nase voll davon, dass alles so schick und bunt ist. Ich glaube, die mögen das, wenn ich einfach Gitarre spiele und den Takt auf’ner Kiste mit dem Fuß stampfe.“

www.myspace.com/seasicksteve

www.seasicksteve.com

Quelle: WMG

Tags:

Leave Comment