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THE MAGNETIC FIELDS – Realism

Freitag, 4. Dezember 2009 | By | Category: News

Stephin Merritt ist eine der bemerkenswertesten Figuren des Indie-Rock’ – Los Angeles Times
Merritt ist das Phantom eines musikalischen Genius’. Unbarmherzig produktiv, bitterlich klug und  leidenschaftlich erfindungsreich.’ –  NME
‘Merritt’s außergewöhnliches Talent macht ihn zu einem Meister des modernen Popsongs’
Independent On Sunday

The Magnetic Fields - Credits:	Marcelo Krasilcic

The Magnetic Fields - Credits: Marcelo Krasilcic

Distortion hieß das sagenhaft krachige Album, mit dem THE MAGNETIC FIELDS im Jahr 2008 überraschten, indem Songwriter Stephin Merritt sich an den enorm verzerrten Sounds von The Jesus And Mary Chain orientierte. Bei Realism kann man den Lautstärke-Regler der Anlage nun getrost unangetastet lassen und sich ganz den vielfältigen, nahezu zarten Instrumentierungen des Albums hingeben. Denn Realism, ursprünglich als Wegbegleiter von Distortion konzipiert, besticht durch seine eher fragilen Klänge. Genau genommen ist Realism so eine Art B-Seite zum Vorgänger, denn mit seinen vornehmlich akustischen Sounds ist es ein perfektes Gegenstück zum Noise-Pop von Distortion.

„Für mich waren beide Alben ein zusammen gehörendes Paar“, eröffnet Merritt. „Und eigentlich wollte ich sie True und False nennen. Aber dann konnte ich mich nicht entscheiden, welches von beiden True und welches False sein sollte, denn beide haben mit Wahrheit und Falschheit sowohl in der Musik als auch in Aufnahmen zu tun – nicht so sehr durch die Texte, aber in der Art, wie sie produziert wurden. Distortion ging so weit wie möglich in Richtung des stilisierten Noise-Pop, der wahrscheinlich die äußerste Grenze der Stilisierung im Rock darstellt, bevor er sich in ein anderes Genre verabschiedet. Realism dagegen ist Folk, obwohl ich mich nicht dazu durchringen konnte, den ganzen Weg bis zum Folk zu gehen. Um ehrlich zu sein, ich ertrage den Klang einer akustischen Gitarre nicht länger als drei Minuten im Stück. Also bin ich nicht wirklich zum wirklichen Folk gegangen, sondern hatte vor, mich einem „Variety-Folk-Format“ anzunähern, etwa wie auf einem Judy Collins oder Judy Henske-Album. Die meisten meiner Lieblingsalben sind Variety-Alben. Hinter Distortion stand eine monolithische Produktionsidee, und Realism bietet einen eher kaleidoskopartigen Ansatz ans Genre.“

Wie der Albumtitel bereits nahelegt, untersucht Merritt auf Realism was „echt“ in aufgenommener Musik wirklich bedeutet, indem er die Aufrichtigkeit (oder deren Abwesenheit) in Folk-Texten und ihrer musikalischen Verpackung untersucht. Und das tut er mit nicht-elektrischer Instrumentierung und „echter“ Produktionsweise. Außerdem mit einer braunen Papiertüte, die den Hintergrund für das Artwork des Albums bildet…

Vor allem der orchestrierte britische Folk der späten Sechziger/frühen Siebziger, der sich durch den Einfluss der Psychedelic-Bewegung und der bahnbrechenden Arbeit des Arrangeurs und Producers Joshua Rifkin auf Judy Collins’ Alben In My Life und Wildflowers jenseits der strikten Gesetzmäßigkeiten der traditionellen Musik entwickelte, inspirierte Merritt. „Es war, als ob die ganze Welt auf einem Album festgehalten wurde und du absolut keine Ahnung hattest, was als nächstes käme. Ich mag so etwas ja auch an bestimmten Radioprogrammen. Ich mag es auch, wenn ich selbst auflege und ich mag es auf meinen Alben. Auf Collins’ Alben gibt es kaum zwei Tracks, auf denen dieselben Musiker spielen, und jeder Song ist von jemand anderem geschrieben.“ Das trifft auf Merritt zweifellos nicht zu, denn er schreibt alle Songs selbst. „Ich tu nur so, als seien es verschiedene Komponisten.“

Jeder der 13 Songs auf Realism bringt es auf das Format eines dreiminütigen Popsongs. Wie Merritt sagt, „Ich mag die Songs kurz; ich steh im Allgemeinen nicht auf groß angelegte Statements. Ich finde es schwierig, zum Beispiel Beethoven zuzuhören. Ich bevorzuge kleine, kuschelige, charmante und beiläufige Dinge, keine Meisterwerke oder Epen.“ Und so rangieren die Songs von abgefahrenen Spielzugkisten-Melodien wie auf The Dolls’ Tea Party und Painted Flower bis zu den fast alarmierend hartnäckigen Sing-A-Longs von We Are Having A Hootenany. Seduced And Abandoned, in dem Merritt die persona einer Frau einnimmt, die geschwängert und vor dem Traualter stehen gelassen wird, enthält eine traurige, Zirkus-ähnliche Melodie, die von einer Tuba gespielt wird; Interlude überzeugt als sparsamer, eleganter Ballhaus-Tanz, der wie aus weiter Ferne klingt. Es gibt sogar ein ausgesprochen festliches Weihnachtslied, Everything Is One Big Christmas Tree, dessen Refrain in äußerst charmantem Deutsch gesungen wird.

In den Songs auf Realism ist die Realität so verzerrt wie immer bei THE MAGNETIC FIELDS, und die auftretenden Personen sind alles andere als ‚normale’ Durchschnittstypen. Merritts Songs schweben zwischen Sehnsucht und Einsamkeit, Verlangen und Zurückweisung sowie Romantik und Rache, obwohl die melancholischen Gedanken der Erzähler immer voller sardonischem Humor stecken. Am Ende des Albums setzt Merritt seine Charaktere buchstäblich aus wie Schiffbrüchige – und das ist nur der letzte gemeine Schlag für die unglückseligen, aber nichtsdestotrotz hoffnungsvollen Kreaturen, die bereits romantisch oder emotional gestrandet waren. Merritt räumt ein, das sein „Folk“-Format vielleicht dazu ermutigen würde, nach autobiographischen Zügen in seinen Songs zu suchen, aber er verwahrt sich dagegen: „Ich hab wahrscheinlich das gleiche Problem wie auch bei „i“ (dem Nonesuch-Debüt aus dem Jahr 2004), wo die Leute die Texte wegen des Albumtitels unbedingt rein journalistisch verstehen wollten. Kann sein, dass die Leute hoffen, dass ich mich auf Realism direkter zu erkennen gebe, mehr jedenfalls als auf Distortion, aber ich befürchte, ihre Erwartungen werden enttäuscht werden. Oder auch nicht, aber das liegt dann aber nicht an irgendetwas, was ich getan hätte.“

THE MAGNETIC FIELDS nahmen Distortion seinerzeit sehr schnell auf – im Flur, im Treppenhaus und im Badezimmer von Merritts Apartment in einem alten Haus in Chelsea, Manhattan, das er verließ, um ein neues Zuhause in L.A. zu beziehen. Realism dagegen entstand in konventionelleren Studiogegebenheiten in Kalifornien, obwohl sich die Band einmal mehr die speziellen akustischen Qualitäten eines Badezimmers zunütze machte. Merritt: „From A Sinking Boat wurde vollständig mit dem natürlichen Hall in meinem Badezimmer aufgenommen. Nur bei der Sitar-Spur haben wir etwas geschummelt, alle anderen Spuren wurden im Badezimmer aufgenommen, ziemlich weit entfernt vom Mikrophon. Daher klingen sie etwas wässrig, und das ist auch die Idee dahinter, denn im Song geht es um ein Schiffswrack. Einer meiner vielen Schiffbruch-Songs.“ (siehe zum Beispiel Shipwrecked vom Gothic Archies-Album „Tragic Treasury“)

Merritt organisierte die Aufnahmen zu Realism, die in einer Pause während einer kleineren Theater-Tour der MAGENTIC FIELDS stattfanden, mithilfe einiger Regeln, von denen eine lautete: Keine Synthesizer! Er verbannte alle Instrumente, die irgendwo eingestöpselt werden müssen, was aber kein Hindernis darstellte: Bouzoukis, Banjos, Celli, Violinen, Akkordeons, Tubas, Tablas, sogar das Rascheln fallender Blätter kamen zum Einsatz. Und, so fügt Merritt hinzu: „Wir haben eigentlich keine Drums benutzt. Ich glaube, es gibt ein Becken auf Always Already Gone, aber es gibt keine Trommeln, die mit Sticks gespielt werden. Die Klänge auf The Dada Polka sind ein bißchen trommelähnlich, aber ich glaube, es sind Bongos. Claudia Gonson spielte auf einer ganzen Reihe von Songs die Tablas, und sie sind ja so eine Art Trommeln, aber es gibt kein Schlagzeug. Keine Snare, keine Bassdrum.“ (Merritt räumt allerdings ein, dass er auf The Dada Polka ein wenig getrickst hat, auf dem es – wenn auch sehr im Hintergrund – eine E-Gitarre gibt. Das liegt daran, dass die Originalaufnahme aus dem Jahr 1986 stammt und bis heute unveröffentlicht blieb: „Es hat darauf gewartet, dass ich endlich mein Folk-Album mache, und hier bin ich jetzt, mit meinem Folk-Album).

Neben Cellist Sam Davol, Gitarrist John Woo und der ehemaligen Drummerin Gonson (die auf dem Album Piano spielt und die Vocals auf The Doll’s Tea Party übernommen hat), wurde die Band von Sängerin Shirley Simms ergänzt, die bereits einige bemerkenswerte Performances auf Distortion ablieferte, und von Akkordeonspieler Daniel Handler (a.k.a. Lemony Snicket, Merritts Kompagnon auf „The Tragic Treasury“ der Gothic Archies). Im Grunde also das gleiche Ensemble, das Distortion fabrizierte. „Es waren wieder wir sechs, aber für Realism luden wir Johnny Blood ein, der damals Tuba auf The Wayward Bus spielte, und Ida Pearle, die die Violine auf einigen Songs von 69 Love Songs beitrug. Um dem Anspruch der Abwechslung auf Realism gerecht zu werden, nahmen wir jeden Song anders auf. Aber keiner von ihnen enthält schreiende Feedbacks, die von mehreren Verstärkern in die Mikrophone brüllen. Alle Bestandteile der benutzten Aufnahmetechniken würden als „folkig“ klassifiziert werden.“

Im Jahre 1999 präsentierte Stephin Merritt die Drei-CD-Kollektion 69 Love-Songs, die ihn als einen der talentiertesten Songwriter seiner Generation vorstellte. Dem verdienten Durchbruch folgten dann die zwei Nonesuch-Alben „i“ (2004) und Distortion (2008), mit dem er sich dem Sound des The Jesus And Mary Chain-Kultalbum „Psychocandy“ annäherte. Doch neben den MAGNETIC FIELDS-Veröffentlichungen pflegt er ein reges Repertoire an Seitenprojekten, zum Beispiel mit den Future Bible Heroes und den The 6ths. Hinzu kommen Soundtracks zu Filmen wie „Eban And Charley“ und „Pieces Of April“. 2006 veröffentlichte Nonesuch eine Kollektion von Songs, die Merritt unter dem Projektnamen The Gothic Archies schrieb und die eine musikalische Ergänzung zu den Büchern von Lemony Snicket darstellten: The Tragic Treasury: Songs From A Series Of Unfortunate Events. 2009 schrieb er die Musik zum Off-Broadway-Musical „Coraline“, das auf dem gleichnamigen Buch von Neil Gaiman basiert.

Mit Realism hinterfragen THE MAGNETIC FIELDS nun also unsere Vorstellungen von Authentizität und Ersatz, Folk und Fake. Aber sobald die Musik beginnt, fällt es einem leicht, den Unglauben beiseite zu schieben: Nie klang die Realität so gut wie auf Realism.

Magnetic Fields: I Don’t Want To Get Over You

Magnetic Fields – Too  Drunk to Dream

Magnetic Fields- All my Little Words

http://www.myspace.com/themagneticfields

Quelle: WMG

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