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Die große Liebe eines Tenors – Villazón begegnet einem anderen Mozart

Freitag, 17. Januar 2014 | By | Category: Titel Tipp

In den letzten Jahren wurde Mozarts Welt zum festen Bestandteil von Rolando Villazóns Arbeit. Der Tenor hat einen Zyklus der sieben reifen Mozart-Opern begonnen, die live im Festspielhaus Baden-Baden aufgenommen werden. Don Giovanni bildete 2011 den Auftakt.

Rolando Villazon - Credits: Gabo/ DG

Rolando Villazon – Credits: Gabo/ DG

Es folgte im Jahr darauf Così fan tutte. Im Sommer 2014 steht Die Entführung aus dem Serail auf dem Programm. Der Zyklus ist ein ehrgeiziges Projekt, von Villazón kuratiert und durch ihn als künstlerischer Berater betreut. Sein jüngstes Album bei Deutsche Grammophon, Mozart Concert Arias, aufgenommen mit dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Sir Antonio Pappano, widmet sich nun einer weniger bekannten Seite des Komponisten. Die hier präsentierten Arien entstanden ohne viel Aufsehens: für die Opern anderer Komponisten; für eigene Bühnenwerke, die nie vollendet wurden; für ganz bestimmte Sänger. Villazón nahm sich vor, selten eingespielte musikalische Kostbarkeiten zu enthüllen – und fand einen Freund: Mozart.

»Es ist Neuland für uns alle, darin liegt die große Herausforderung, denke ich – darin ist es anders, als wenn man ›Il mio tesoro‹ singt, von dem wir schon so viele große Interpretationen gehört haben, von so vielen großen Tenören, unter so vielen großen Dirigenten«, sagt er.

Schon bei den Aufnahmen von Don Giovanni und Così fan tutte hatte Villazón seine Liebe zu Mozart entdeckt, durch dieses Projekt aber wurde die Beziehung vertieft. »Kein anderer Komponist spricht so direkt zu mir«, erklärt er. »Ich habe das Gefühl, einen nahen Freund gefunden zu haben. Wie in all seinen Kompositionen fordert Mozart auch in diesen Stücken die Persönlichkeit des Interpreten. Er will, dass man sich ganz einbringt.«

Die Auswahl der Arien umfasst ein breites emotionales und zeitliches Spektrum. Se al labbro mio non credi, komponiert für den berühmten Tenor Anton Raaff – Mozarts ersten Idomeneo –, verdient es, öfter gehört zu werden, so Villazón: »Se al labbro gebührt ein Platz neben Mozarts berühmtesten Arien.« Das reifste Werk auf diesem Album, Müsst ich auch durch tausend Drachen, entstanden um 1783 und die einzige deutschsprachige Arie dieser Sammlung, schrieb Mozart vermutlich für eine unvollendet gebliebene komische Oper. Am anderen Ende des chronologischen Spektrums steht Va’, dal furor portata, das der Komponist im Alter von neun Jahren schrieb.

 

»Es ist spannend, den ganz jungen Mozart mit dem reifen Mozart zu vergleichen und seine Entwicklung zu verfolgen«, sagt Villazón. »Wer weiß, was er uns hinterlassen hätte, hätte er etwas länger gelebt.«

Villazón stieß zufällig auf diese Musik, während er Partituren in einer Münchner Musikalienhandlung durchsah. »Ich suchte eigentlich nach Don Giovanni und Così fan tutte, als ich diese Ausgabe von Konzertarien für Tenor fand«, erinnert er sich. »Ich blätterte den Band durch und sagte: ›Das ist es. Das ist ein Projekt.‹« Als er 2011 am Royal Opera House in London die Titelrolle in Massenets Werther sang, sprach er Pappano auf eine Aufnahme der Stücke an.

Für den Dirigenten ähneln manche Arien in ihrer dramatischen Struktur ganzen Szenen. »Es ist ziemlich schwierig, weil viele dieser Stücke aus der Feder des sehr jungen Mozart stammen. Es ist nicht der Mozart, den wir kennen. Sie haben eine ganz eigene Identität. Eine ungeheure Energie. Und der Sänger und das Orchester müssen sie sehr feurig angehen. Man muss die Freiheit, das Neue und die Jugendlichkeit dieser Musik entdecken.«

Das Rezitativ Misero! O sogno und die darauf folgende Arie Aura che intorno spiri beanspruchen alle technischen Fähigkeiten eines Sängers, stellt Villazón fest. »Bravour, Interpretation, wie man den Text gestaltet. Und die hohen Töne. Aber das Schöne bei Mozart ist, dass sie nicht unvermittelt kommen. ›Peng! Ein hoher Ton.‹ Es ist einfach ein weiterer Ton, den man singen muss, um der Melodie zu folgen.« Das London Symphony Orchestra erwies sich als idealer Partner für den Tenor. »Es sind Spieler, die zuhören, die mit dem Sänger und dem Dirigenten gemeinsam suchen und arbeiten. Es war wunderbar, gerade so, als sei ich direkt mit der herrlichen Linie verbunden, die das Orchester spielt. Diese Musik aufzuführen war in jeder Beziehung ein Genuss.«

Pappano, der seit 1997 Aufnahmen mit dem Orchester macht, rühmt die Energie und die Intuition der Musiker. »Sie schaffen ein Ambiente, in dem der Sänger leben und die Figur verkörpern kann, ein unerlässliches Element in der Oper, wo der Austausch von Energie so wichtig ist.« Das ist keine geringe Leistung angesichts von Mozarts hohen Anforderungen an das Orchester, eine eigene Dramatik in der Kommunikation mit dem Sänger zu schaffen: »Sie streben nach dem Besten«, erklärt Pappano, »und folgen einem, um einen bestimmten Ausdruck zu erreichen. Der Klang ist leuchtend, voller Jugendlichkeit und Glanz. Genau das liebe ich daran.«

Rolando VIllazon - Credits: Gabo/ DG

Rolando VIllazon – Credits: Gabo/ DG

 

Und es begeisterte ihn zu hören, welchen Spaß Villazón an den komischen Stücken hatte wie Con ossequio, con rispetto, das für die Salzburger Aufführungen von Niccolò Piccinnis Oper L’astratto, ovvero Il giocator fortunato 1775 entstand. »Die Figur macht mit einer Stimme Komplimente, während sie beiseite ausdrückt, was sie wirklich fühlt – gemurmelt sozusagen«, erklärt Pappano. »Das gab Rolando die Möglichkeit, sein komödiantisches Können zu zeigen. Und ich habe ein wenig experimentiert mit der Veränderung der Orchesterfarben. Wenn er beleidigend ist, lasse ich die Geigen eine quasi geschwätzige Artikulation verwenden, und dann am Schluss einen stärker nasalen, knurrenden Klang. Ich glaube, Mozart hätte das gefallen. Die Menschen müssen auch lachen und Spaß haben.«

Mozarts Musik kann selbst in humorvollen Augenblicken tiefe Einblicke vermitteln, ergänzt Villazón – das lässt sein Gefühl für den Komponisten noch stärker werden: »Wenn man diese Musik aufführt, gibt es Augenblicke, in denen man plötzlich im Himmel ist. Mozart bringt uns zum Lachen, aber auch zum Träumen, und das ist vielleicht das Wichtigste. Das Lustige existiert hier neben dem Ernsten. Diese fast unmögliche Kombination macht Mozart so einzigartig.«

Quelle: Universal Music

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