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Strom & Wasser – „Mondpunk“ – VÖ: 07.01.2011

Montag, 6. Dezember 2010 | By | Category: Titel Tipp

Der Postmoderne mit ihrem Gewinn maximierenden Lächeln sind verbindliche Werte abhanden gekommen. Aber weil (Gewinn-) Zahlen allein auch nicht glücklich machen, ist die Kulturwelt manisch auf der Suche nach einer Statthalterschaft für die Wirklichkeit. „Authentizität“ heißt das Zauberwort. Viele schreiben darüber, Heinz Ratz hat sie.

Mondpunk

Mondpunk

Authentizität aber hat man nicht nur, man gewinnt sie. Ratz gewinnt sie, einerseits durch sein Leben: Nach einer rabiaten Kindheit, einer Totalverweigerung und einem Jahr auf der Straße hat Ratz mit bislang zehn Büchern, 14 CDs und über 1.000 Konzerten den Weg zurück und zum Publikum gefunden, eine Authentizität des Seins. Ratz ist aber auch authentisch durch sein Tun.

Ratz macht Rabatz: Im „Moralischen Triathlon“, 2008 dem „Lauf gegen die Kälte“ gegen Sozialabbau mit Spendensammlungen zugunsten Obdachloser, 2009 „Die Lee(h)re der Flüsse“ im Verbund mit dem B.U.N.D. für einen besseren Naturschutz, 2010 auf dem Rad „Die Tour der 1.000 Brücken“ gegen die „nationale Abgrenzung“, kämpft er für eine bessere Welt, Stunden lang, und das vor seinen Auftritten.

Auch die Musik von „Strom & Wasser“ durchläuft einen langen, Entstehungsprozess. Ratz schreibt Text und Melodie, spielt dazu eine Bassfigur. Die bekommt z.B. dann Gitarrist Ingo Hassenstein, der sich dazu was ausdenkt, was der nachfolgende Pianist Enno Dugnus kommentiert und ausbaut, vom Perkussionisten Claudio Spieler und Schlagzeuger Benny Greb rhythmisch unterfüttert und erweitert, vom Flötisten und Saxophonisten Arne Assmann solistisch umflort. Logisch, dass dabei zuweilen ein Konglomerat nicht immer zusammenpassender Ideen entsteht.

Und hier beginnt der Unterschied bzw. die andernorts beschworene und erlogene Authentizität: Was nicht passt, wird bei „Strom & Wasser“ nicht etwa verkaufsfördernd passend gemacht; es wird einfach gemacht, und das nicht mal „trotzdem“. Perlen der Tonkunst werden mal fein, mal grobschlächtig auf eine Kette der Abwechslung gezogen, in der sich trashiger Postpunk, jazzige Schwurbelbesen, Kieler Ethnofunk, Ska, Reggae und Latinfetzen sich den musikalischen Faden in die Hand geben.

Was gern ob der Kraft der Ratz’schen Worte vergessen wird, ist die Qualität der Musik. Das jaulende Saxophonintro zum CD-Titelstück „Mondpunk“ erinnert an den Jazzstandard „Harlem Nocturne“, bevor es in einen flott dahin treibenden Ska-Country-Funk-Rock-Lounge-Mix (ja, so was gibt es!, wenigstens bei Strom & Wasser) übergeht. Der Mondpunk ist das Gegenstück zum Erdenspießer, und auf dem Weg von dort oben nach hier unten passiert man vielerlei Weltraumerscheinungen, den Krachlederrock-Planeten „Moderner Fünfkampf“, den punkigen Kometenschweif „Plastikpuppenboy“, den lässigen Sambanebel von „Das Lächeln des Dieter Bohlen“, den Reggae-Asteroiden „Virus“, und wer hätte gedacht, dass sich in der Erdatmosphäre „Staubproduzent vs. Bioladenbesitzerin“ abwechselnd im Ska- und Schwermetallgroove begegnen.

Auf ihrem Weg durch das Strom-&-Wasser-Universum frisst die Ratz-Rakete jeden rhythmischen Brennstoff. Für musikalische Abwechslung ist jedenfalls gesorgt.

Und so geht der Punk in den Stilen spazieren. Eine Form des Seins und nicht des Habens. Hat Ratz einen Krampf im Finger, weil er nicht geübt hat, übt er trotzdem nicht, um den Krampf zu vermeiden. Spielt sich sein Keyboarder warm, um die Stücke „besser zu spielen“, sagt Ratz: „Üb’ nicht und spiel schlecht!“

Denn die Welt ist grundsätzlich schlecht bzw. der Zugang zum Guten und Schönen verstellt. Ratz’ Worte darüber sind deutlich und schwer verdaulich. Aber mit Musik rutschen sie besser. Was sich nicht reimt, reimt sich nicht, und wird auch nicht geschlagen, eher gerührt. Was metrisch nicht aufgeht, braucht auch keine rhythmische Hefe, statt eines konsumierbaren 4/4-Takts tut’s auch ein ungerader 7/8.

Ratz ist keiner, dem alles egal ist, weil ihm alles egal ist, sondern einer, dem alles egal ist, weil ihm gar nichts egal ist. Mit der Stimme eines Grizzlybären und Schleifpapierstärke 80 singt Ratz „Gossenhauer“ statt Gassenhauer, mit Engagement gegen das „Emotionsdesign“, als „Mondpunk“ über den irdischen Modepunk; Ratz’ CD-Titel weisen ihm und seinen Zuhörern den Weg, mögen es 1.000 sein wie beim Festival von Rudolstadt, seien es deren acht (!) bei einem Auftritt in Stuttgart im Jahr 2008.

Manchmal sind Atem beraubende philosophische Ideen und Wendungen impliziert, für die andere ein Buch statt eines Gedichtes benötigen: Die Geschichte vom höflichen Teufel „Hans Heinrich Eleganz“, das Da-Da-Reimsammelsurium „Kleine Verstecke“ oder „Mein glückliches Lied“ mit seinem entspannten Cha-Cha-Refrain sind taoistische Juwelen des Seins.

Ratz hat Authentizität, weil er nicht nur tut ohne Rücksicht auf sich selbst, -das tun andere Gewinn bringend zuweilen auch. Ratz macht, ohne Rücksicht auf Effekt und Folgen, ganz Sein im Tun. Das ist Authentizität.

http://www.myspace.com/stromundwasser

http://www.strom-wasser.de

Quelle: MPN

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