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The Toxic Avenger – „Angst“

Freitag, 15. Juli 2011 | By | Category: Titel Tipp

Der Hype um den französischen Produzenten, Remixer und DJ nahm jedoch schon im letzten Jahr seinen Anfang. Krönung ist nun das vorliegende Album mit Gästen wie Annie und South Centrals Robert Bruce.

Benannt nach dem Helden aus dem Low-Budget-Horrorfilm von Lloyd Kaufman und Michael Herz aus dem Jahr 1985, wo Toxic Avenger unter unglaublichen Schmerzen vom Nerd zum Monster-Superhelden „Toxic Avenger“ mutiert.

Angst - The Toxic Avenger

Angst - The Toxic Avenger

Es ist Mitternacht. Du hast nicht einen Tropfen Benzin mehr im Tank. Die Scheinwerfer deines Wagens hüllen die leeren Felder abseits der Landstraße in ein nebulöses Licht.

Die Dunkelheit gibt keinen Laut von sich. Es herrscht Stille.

Plötzlich springt ein maskierter Fremder aus dem Nichts, mitten hinein in den gleißenden Lichtkegel. Du versuchst zu schreien, doch vergeblich. Alles, was du hörst, ist der hämmernde Puls in deinen Schläfen – bis The Toxic Avenger plötzlich seine rostige Kettensäge anwirft. Ohrenbetäubender Lärm, der dich in einen fiebrigen Geräuscherausch versetzt. Und du fängst an zu flehen, dass dieses Gefühl niemals aufhören möge… .

Vom Rolling Stone einst vollkommen zu Recht zum „Artist To Watch“ erkoren, wirkt der künstlerische Werdegang von The Toxic Avenger (aka Simon Delacroix) rückblickend wie die verzerrte VHS-Kopie eines abstrusen Snuff-Movies: Er war Teil einer Pariser Hardcore-Band mit zwölf. Zehn Jahre später machte er bereits mit einem knurrigen neuen Sound auf sich aufmerksam und zwang damit die Ohnmacht im eigenen Inneren in die Knie.

Und heute? Heute ist Simon Delacroix The Toxic Avenger – und weit mehr als nur ein paradigmenwechsel-einläuternder Produzent. Er ist ein renommierter Remixer (für Ladytron, Peaches, FF5, Chromeo, Beni Benassi feat. Kelis), ein gefragter DJ, ein diabolischer Held seiner selbst – versiert, verzogen, und verloren.

Nach einer ganzen Reihe kleinerer Veröffentlichungen holt The Toxic Avenger nun erstmals zum ganz großen Schlag aus – in Form seiner ersten Full-Length-LP „Angst“. Und was soll man sagen: Der Name ist Programm.

Aufgenommen in Marokko, ist die Platte nichts anderes als ein vor Ideen übersprudelndes Blutbad des taktvollen Terrors im Pop-Format. Ein wahrer Bass-tard im Grenzgebiet zwischen Elektro-Punk-, Dark-Folk- und Blip-Hop-Hymnen, für dessen Umsetzung er sich eine ganze Reihe Elite-Vokalisten aus der ganzen weiten Welt an Land gezogen hat: Annie aus Norwegen, South Central aus Großbritannien, Simon Elle Est Bonne und BonjourAfrique aus Frankreich sowie Lexicon und Messinian aus den Staaten. Aber wie ist es überhaupt so weit gekommen?

Sagen wir so: Irgendwann ist The Toxic Avenger mal bei voller Fahrt durch die Windschutzscheibe elektronischer Musik gekracht; hat diese daraufhin wutentbrannt am Schlawittchen gepackt und ihren zuckenden Körper hinaus in die kalte Nacht gezerrt. Nur, um sich dort mit ihr im scheppernden Getöse der Maschinen zu suhlen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.

Aber warum das alles? Woher stammt diese verschrobene Mischung aus intelligentem Hardcore-Punk und 60er-Jahre-Pop? Diese mitreißende Mixtur aus melodischer Wut und schreienden Synths, in denen jedes Publikum stets kurz davor ist, den Verstand zu verlieren? Die Antwort auf diese Fragen liegt wohl einzig und allein im Wesen des Werkes selbst.

Delacroixs musikalisches Markenzeichen ist die drückende Düsternis der Drums. Und ein Bass, dessen verschrobene Rücksichtslosigkeit einem jedes Mal fast die Kehle zuschnürt. Musik eben, die sich über jegliche Form von Logik hinwegsetzt und eine vollkommen neuartige Herangehensweise an das Dance-Genre offeriert. Denn: Für The Toxic Avenger mutiert der Club stets zu einem künstlerischen Kriegsschauplatz. Das DJ-Pult ist sein Panzer. Die Plattenspieler sind seine Waffen. Und der Dancefloor bildet das Schlachtfeld für die tanzenden Truppen, sodass alles zusammen zu einem fulminanten Kampfkunstareal von epochaler Tragweite verschmilzt.

Bizarre Geräuschgeschütze werden aufgefahren. Die musikalische Munition scheint endlos. Bleibende Schäden werden billigend in Kauf genommen. Von seinen Boxentürmen aus stößt The Toxic Avenger markerschütternde Schreie aus, die sich tief ins Stammhirn seiner Adressaten bohren. Er feuert bouncende Beatbomben mit kalter Präzision in die wogenden Massen. Es gibt kein Entkommen. Und seine Opfer betteln nicht nach Vergebung, sondern verlangen nach mehr.

The Toxic Avenger photo by Philippe Delacroix

The Toxic Avenger photo by Philippe Delacroix

Den langen Schatten von Paris im Rücken, beschränkt The Toxic Avenger seine Schreckensherrschaft mittlerweile aber nicht mehr nur auf Europa, sondern weitet sie auch auf die Vereinigten Staaten, Südamerika, Asien, Australien und Afrika, kurz: die ganze Welt aus. Zu Erfüllung seiner Mission stehen ihm dabei immer auch wieder kongeniale Mitstreiter zur Seite, darunter solche Großkaliber wie Run DMC, Crystal Castles, Lil Jon, SebAstian, The Death Set, Diplo, Jamaica, Bloody Beetroots und Vitalic.

Bestes Beispiel für diesen kompositorischen Kosmopolitismus ist der fantastische Electro-Pop-Song „Alien Summer“. Ein wahres Juwel, für dessen vokale Verfeinerung sich The Toxic Avenger die Unterstützung von keiner Geringeren als der liebreizenden Annie aus Norwegen gesichert hat.

Auch die Single „Never Stop“ legt eindrucksvoll Zeugnis ab von diesem lupenreinen Ansatz von Weltbürgerlichkeit. Durch hypnotische Synth-Sounds bahnt sich immerhin die Stimme von South Centrals Robert Bruce aus dem UK ihren Weg ins Gehör der geneigten Zuhörerschaft. Und das dazugehörige Video wurde vom großen Antoine Wagner realisiert, der derzeit gerade die Arbeit an einer Langzeit-Dokumentation über Phoenix beendet.

Es ist wie es ist. The Toxic Avenger hüllt den Planeten mit anhaltender Nachhaltigkeit in das drückende Dunkel seines Schattenreichs. Ein Universum an gänzlich neuen Sounds, für deren Erleben es in unserer Welt nur eine einzige Entsprechung gibt.

Und die lautet: Angst.

The Toxic Avenger – NEVER STOP, ft Robert Bruce

http://www.thetoxicavenger.tv

http://www.roymusic.com

Quelle: Beats International

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