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Christian Scott „Yesterday You Said Tomorrow“ VÖ: 29.01.2010

Sonntag, 13. Dezember 2009 | By | Category: Top News

Als der Trompeter Christian Scott in den späten 1980ern und frühen 90ern in New Orleans aufwuchs, gab sein Großvater ihm und seinem Bruder Kiel zusätzlich zu den normalen Hausaufgaben jede Woche noch Extralektüre vor. Wenn es die jungen Schüler nicht schafften ihre Bücher innerhalb einer Woche auszulesen, pflegte der Großvater mahnend zu sagen: “Gestern sagtest du morgen…” Auf diese Weise brachte er zum Ausdruck, wie wichtig es war, Arbeiten sofort zu erledigen und die Zeit bestmöglich zu nutzen.

Christian-Scott - PHOTO CREDIT © Kiel Scott

Christian-Scott - PHOTO CREDIT © Kiel Scott

Es hatte am Ende den Effekt, daß die beiden Brüder, als sie ihren Highschool-Abschluß am New Orleans Center for the Creative Arts machten, zu den Klassenbesten gehörten. Mit einem Vollstipendium in der Tasche brach Christian Scott danach gen Norden auf, wo er am Berklee College of Music in Boston innerhalb von nur zwei Jahren zwei akademische Abschlüsse machte und schließlich seine Musikkarriere begann. Heute gilt er bereits als einer der großen Innovatoren seiner Generation.

Auf dem Weg dahin lernte Scott, daß es für ihn noch viel Arbeit zu erledigen gab – nicht nur innerhalb des Jazzidioms, sondern auch in der weiteren Welt, von der der Jazz nur ein Teil ist. Auf seinem neuen Album “Yesterday You Said Tomorrow” reflektiert er nun über das Erbe seiner musikalischen Helden, die vor allem in den 60er Jahren den Ton angaben, und benutzt seine eigene Musik zur gleichen Zeit dazu, einige der überaus wichtigen Themen der zeitgenösissischen Kultur anzusprechen.

“Ich habe noch nie so hart an einem Album gearbeitet wie an diesem”, sagt Scott über die Sessions, die im April 2009 in den Van Gelder Recording Studios in Englewood Cliffs/New Jersey vonstatten gingen. Koproduziert hat der junge Trompeter das Album mit Chris Dunn und Rudy Van Gelder, einem der besten und legendärsten Toningenieure der Jazzszene. “Ich wollte einen musikalischen Hintergrund erzeugen, der alles ersichtlich machen sollte, was ich an der Musik aus den 60ern so liebe – Miles Davis’ zweites Quintett, Coltranes Quartett, Mingus’ Band – und mit der Musik, die von Leuten wie Bob Dylan und Jimi Hendrix gemacht wurde, in Verbindung bringt. Die Musik dieser Ära hatte mehr Tiefe, der Jazz genauso wie die Rock- oder Folkmusik oder was auch immer. Das politische und soziale Klima war damals viel bedrückender, und es gab ein paar Musiker, die nicht davor zurückschreckten, dieses Klima in ihren Werken zur Sprache zu bringen. Von denjenigen, die das taten  – und mit ihrer eigenen Humanität zugleich auch die Leute fesselten – spricht man noch heute.”

Christian-Scott - PHOTO CREDIT © Kiel Scott

Christian-Scott - PHOTO CREDIT © Kiel Scott

Diese Ansichten mögen ungewöhnlich klingen, wenn man sie aus dem Munde eines 1983 geborenen Künstlers hört. Aber Scott ist sich des Jazzerbes und seiner Rolle im breiteren Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts immer sehr bewußt gewesen. Vieles lernte er aus erster Hand durch seinen Onkel, den Saxophonisten Donald Harrison, einen Alumnus von Art Blakey’s Jazz Messengers. “Einige Leute beginnen beim Bebop, einige beim Post-Bop und wieder andere bei Fusion”, meint Scott, der mit zwölf Jahren begann Trompete zu spielen. “Mein Onkel zeigte mir den Weg zurück zu den Ursprüngen des Jazz. Er brachte mir Sachen bei, die Buddy Bolden ganz am Anfang des 20. Jahrhunderts gespielt hat.”

Schon mit dreizehn Jahren war Scott gut genug, um in der Band seines international bekannten Onkels mitzuspielen. Mit sechzehn Jahren debütierte er dann auf Harrisons Album “Paradise Found”, zu dem er mit “Young Blood” sogar eine eigene Komposition beisteuerte. Dadurch hatte er seinen Altersgefährten an der Highschool und am Berklee College schon einiges an Erfahrung voraus. 2002 machte er sein titelloses und im Eigenverlag veröffentlichtes Solodebütalbum.

Nach einem weiteren Album an der Seite seines Onkels (“Real Life Stories”, 2002) und einer Plattensession mit Nnenna Freelon (“Blueprint Of A Lady: Sketches Of Billie Holiday”, 2005) wurde das Label Concord Jazz auf den hochtalentierten Trompeter aufmerksam und bot ihm einen Vertrag an. Als erstes Produkt dieser Zusammenarbeit brachte Scott 2006 “Rewind That” heraus, ein Album, auf dem er unbekümmert modernen Jazz mit ein paar rockigen Anklängen und einer guten Portion Rhythm’n’Blues kombinierte. Der Lohn dafür war u.a. eine Grammy-Nominierung! Im darauffolgenden Jahr erschien mit “Anthem” ein Album, das größtenteils von den politischen und sozialen Kräften handelte, die es Leuten ermöglichten, die katastrophalen Zerstörungen des Wirbelsturms Katrina einfach zu ignorieren.

Christian-Scott

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Live At Newport”, erschienen Ende 2008, enthielt einen Live-Mitschnitt von Scott und seiner vierköpfigen Band, der im selben Jahr beim JVC Jazz Festival in Rhodes Island gemacht worden war. Das Album bestand aus einer CD und einer Bonus-DVD vom selben Konzert.

“Yesterday You Said Tomorrow” nimmt – wie “Anthem” – gewisse Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft ins Visier. Der Unterschied besteht hier in der Bandbreite. “Bei ‘Anthem’ stand ein Mikrokosmos im Mittelpunkt – der Wirbelsturm und die daraus resultierende Zerstörung einer bestimmten Region”, sagt Christian Scott. “Bei diesem Album, auf dem ich einen Blick auf die allgemeineren Probleme und Dilemmata werfe, die uns heutzutage herausfordern, geht es mehr um den Makrokosmos.”

Mit Hilfe von Gitarrist Matthew Stevens, Pianist Milton Fletcher, Jr., Bassist Kristopher Keith Funn und Schlagzeuger Jamire Williams geht Scott diese Themen frontal an, ohne sich im geringsten daran zu stören, wie unbequem ein Thema sein mag. Er beginnt das Album mit “K.K.P.D.”, einer Nummer voller dunkler Harmonien und spannungsgeladener, sich kreuzender Polyrhythmen. Das Buchstabenkürzel des Titels steht für “Ku Klux Police Department” und ist ein Verweis auf die, so Scott, “phänomenal finstere und bösartige” Haltung, die die lokale Polizei in der Zeit, als er in New Orleans aufwuchs, gegenüber den afroamerikanischen Bürgern der Stadt zeigte – eine ähnliche Dynamik herrscht in dieser und anderen Städten noch heute. “Wenn man schwarz ist und zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort aufgegriffen wird, kann es einem immer noch passieren, daß sie einem ein paar Klan-Dinge antun”, sagt er. “Diesen Gedanken hat man stets im Hinterkopf.”
In der melodischen Nummer “Eraser”, die dann folgt, löscht Scott einige der dunkleren Schattierungen aus. Der Song stammt von Singer/Songwriter Thom Yorke, dem Mitgründer und Frontmann der Indierockband Radiohead, und war das Titelstück von Yorkes 2006 erschienenem ersten Soloalbum. Der passend betitelte Song setzt die Grundstimmung des Albums wieder auf Null. “Mit diesem Song haken wir das Thema ab, das in der vorausgegangenen Nummer zur Sprache gebracht wurde, und lassen das Album gewissermaßen neu starten”, meint Scott. “Diese ersten beiden Songs sind ein unverzichtbarer Teil des Albums, aber sie haben die Funktion, eine Umgebung zu schaffen, in der das Publikum sich bereitwillig all das anhört, was wir danach noch zu sagen haben. Dadurch wollte ich das Ohr des Publikums für die noch folgenden Themen  öffnen.”

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Das Stück “Angola, LA & The 13th Amendment” handelt davon, daß gewisse Aspekte des heutigen Strafvollzugssystems Relikte aus den Zeiten der Sklaverei zu sein scheinen. “In Angola verrichten die Strafgefangenen zum Beispiel sehr entmutigende schwere Arbeit”, erläutert Scott. “Natürlich muß man bestraft werden, wenn man eines Verbrechens überführt und schuldig gesprochen wurde. Und man sollte auch rehabilitiert werden. Aber ich kenne persönlich Leute, die definitiv unschuldig sind, und sie in einer solchen Lage zu sehen beschämt mich als Amerikaner.“
Zum introspektiven “The Last Broken Heart” wurde Christian Scott durch eine Debatte über die Homosexuellenehe inspiriert. “Dieser Song fordert den Musikern wirklich einiges ab, er ist nicht sehr leicht zu spielen. Aber die kleinen Dissonanzen innerhalb des Lieds machen es letztendlich sehr bezaubernd”, meint der Trompeter. “Was könnte schöner sein als zwei Menschen, die sich gegenseitig lieben? Das ist doch viel besser als zwei Menschen, die sich hassen. Aber das wiederum scheint für viele Leute irgendwie akzeptabler zu sein.”
Im einfach brillant betitelten “The American’t” reflektiert Scott über den Negativismus, der sich in einigen Bevölkerungsgruppen der USA nach der historischen Präsidentschaftswahl von 2008 breitmachte. “Es gab soviel Hoffnung und positive Gefühle, aber zur gleichen Zeit gab es auch Leute, die beharrlich alles schlechtredeten und finstere Prognosen machten”, sagt Scott. “Der Song handelt davon, wie Leute unserem Land unter dem Deckelmäntelchen des Patriotismus alles Schlechte wünschen.”
Die Schlußnummer “The Roe Effect” greift das Thema Abtreibung auf. “Ich hatte eine wirklich einnehmende Melodie dafür geschrieben, die wir dann rückwärts gespielt haben”, meint Scott. “Wie sich herausstellte, klang sie überraschenderweise genauso schön wie die Originalmelodie – wenn nicht noch schöner.” In dem Stück wird eine äußerst provokative Frage aufgeworfen: Was passiert im Verlauf der nächsten Generationen, wenn die Eltern, die gegen Abtreibung sind, ihren Kindern dieselben Werte vermitteln, und die Erwachsenen, die für Abtreibung sind, überhaupt keine Wähler mehr großziehen?

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Scott gesteht freimütig, daß die auf “Yesterday You Said Tomorrow” behandelten Themen keine leichte Kost sind. Aber wie sein Großvater nimmt er die wirklich wichtigen Aufgaben lieber sofort in Angriff und schiebt sie nicht auf die lange Bank.

“Es gibt keine bessere Zeit als gerade jetzt, um all die Probleme zu beheben, mit denen wir als Individuen und Gesellschaft konfrontiert werden”, meint er optimistisch. “Die Probleme, die einige Musiker schon in den 1960er Jahren ansprachen, existieren immer noch. Sie mögen ein wenig anders aussehen, aber sie sind immer noch vorhanden.

Das wollte ich auf diesem Album dokumentieren und zugleich Mittel aufzeigen, mit denen man die Dinge ändern und diese Probleme lösen könnte.”

„Yesterday You Said Tomorrow“ erscheint am 29.01.2010

http://www.christianscott.net

http://www.myspace.com/christianscottmusic

Quelle: Universal Music

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