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Gossip – am 02.09.09 bei Pro 7 TV Total – 23:15

Mittwoch, 2. September 2009 | By | Category: Top News

Mit „Music For Men” veröffentlichte das Genre zersetzende DIY-Postpunk-Trio Gossip am 19. Juni 2009 sein erstes Majorlabel-Studioalbum. Was darf man diesmal von den ehemaligen Indie-Superstars erwarten? Wenn es nach der Band geht: „Wortgewalt und musikalische Raffinesse.“

Gossip - Foto: Alice Hawkins

Gossip - Foto: Alice Hawkins

Dem Gitarristen und Hauptmusikschaffenden der Band, Brace Paine, fällt bei der Annäherung an das neue Werk die Aufgabe zu, den Albumtitel zu erläutern.

Seinen Angaben zu Folge basiert er auf einer Eingebung der ikonoklastischen Sängerin und charismatischen Frontperson Beth Ditto und ist „so eine Art feministischer Witz“.

Doch während Gossip ihrem neuem Album inhaltlich geschickt eine Portion soziokultureller Ironie unterjubeln, verfolgen die Drei musikalisch weiter konsequent ihren Weg: blues-funky Indie-Disco-Rock, direkt in deine Magengrube.

Angetrieben von animalischer Energie verzahnen sich dabei die Rhythmen von Drummerin Hannah Blilie mit Braces Herz zermalmenden Riffs und Beths gleichsam aggressivem wie verheißungsvollem Gesang.

„Music For Men“ ist nicht nur eine der heiß ersehntesten Album-Veröffentlichungs-Ereignisse des  Jahres, es ist zugleich das neue musikalische Manifest des Trios. Mit ihrem letzten, mittlerweile nahezu legendären Studioalbum „Standing In The Way Of Control“ hatte die Band 2006 den Durchbruch geschafft. „Music For Men“ ist ihr erstes Album seit dem Majorlabel-Debüt „Live In Liverpool“ im vergangenen Jahr.

Um zu garantieren, dass die Band auch genau den Studiosound bekommt, den sie sich vorstellt, stand Gossip mit Rick Rubin eine wahre Studio-Legende zur Seite. Der New Yorker, der u.a. bereits mit Johnny Cash, den Red Hot Chili Peppers, den Beastie Boys und Metallica gearbeitet hatte, half Beth, Brace und Hannah, für jeden Track den eigenen, ganz bestimmten Groove zu finden. „Er ist ein wahrhaftiger Mystiker“, erinnert sich Brace. „Wir sprachen ständig über John Cage. Er interessiert sich ausschließlich für Musik, Lautsprecher und Soundsysteme. Es ist wirklich faszinierend, mit ihm zu arbeiten. Ich musste nur sagen ‚kannst du einen Bass-Sound machen wie PiL?’ und er wusste sofort, was ich meinte, er kennt die ganzen Referenzen. Er ließ mich tun, was immer ich wollte. Eine unglaubliche Energie.“

„Music For Men” in den legendären „Shangri-La Studios“ in Malibu aufzunehmen, war für die Band „das erste Mal, dass wir Zugang zu einem derartigen Studio hatten. Ich kann mir vorstellen, dass man dort leicht den Wunsch haben kann, einen Riesensound zu kreieren, wenn man als Musiker unkontrolliert auf dieses ganze Equipment losgelassen wird“, gesteht Brace, „deshalb war sehr wichtig, uns zu beschränken. Ich hasse überproduzierten Sound.“

„Wir schrieben viele Songs erst im Studio“, erklärt Brace. „The Band hatten es 1976 gebaut und Bob Dylans alter Tourbus stand da irgendwo rum. Er war leer, also verwandelte ich ihn in mein eigenes kleines Studio, stellte meinen Computer, meine Gitarren und den anderen Kram hinein. Mit der Zeit verfrachtete ich mein komplettes Equipment in Bob Dylans Siebziger-Jahre-Tourbus und schrieb die Songs dann dort. Beth kam ab und zu rein und ich spielte ihr die Demos vor. Alle Gesangslinien sind von ihr, auch die Texte. Ich mache zuerst die Sounds und sie singt dann dazu. Wir saßen also im Bob-Dylan-Bus und machten tagsüber ganz alleine ziemlich viele Demos, denn dort war es am bequemsten. Einige Sachen schrieb ich auch erst zu ihrem Gesang. ‚Dimestore Diamond’ z.B. summte sie zuerst, ich spielte Bass dazu.”

Während „Dimestore Diamond” mit einer Deep-Funk-Bassline und knackigen Drums besticht, wird „Men In Love“ von einem Dancefloor-Groove angetrieben, irgendwo zwischen Ekstase-Schweiß und Transzendenz. Auf „Heavy Cross“, der ersten Single, gurrt Beth zunächst betörend, bevor sie der Welt ihre provokative Anmache an den Status Quo unserer grausamen Zeit entgegen bellt. Die weiteren Songs: 8th Wonder”, Love Long Distance”, Pop Goes The World”, Vertical Rhythm”, For Keeps”, 2012”, Love And Let Love”, Four Letter Word” und Spare Me From The Mold”.

„Sie verfügt über ziemlich amtliche Lungen. Sie ist eine großartige Sängerin. Es haut mich immer wieder um, was sie macht“, sagt Brace bewundern über seine Bandkollegin. „Und alles klappt immer bereits beim ersten oder zweiten Take.“

Den Gesamtsound und –vibe des Albums erklärt Brace so: „Wir haben alles sehr einfach gehalten. Eigentlich passieren nie mehr als zwei Dinge gleichzeitig auf der Platte. Ich fange meistens mit einer Bassline an, dann spiele ich eine Gitarre darüber oder einen Synthie. Ich habe viel daran gedacht, wie die Songs wohl live klingen werden. Wir sind eben eine ziemliche Live-Band. Wir haben ein viertes Bandmitglied, einen Bassisten, wenn wir auf der Bühne sind. Ich spiele gleichzeitig Keyboards und Gitarre.”

Der Weg von „Standing In The Way Of Control” zu „Music For Men” war für Gossip recht wild. „Wir waren extrem viel auf Tour”, sagt Hannah. „Die Konzerte sind großartig, jede Tour wird größer, und die Shows machen immer mehr Spaß. Wir sind wirklich gute Freunde und wir verbringen eine tolle Zeit.“

Brace und Beth sind Freunde seit Brace fünfzehn Jahre als war und beide eine kosmopolitische Weltsicht an den Tag legte, die alles, was ihr Leben in den kleinen Farmer-Dörfchen vor den Toren von Searcy, Arkansas, ausmachte, bei Weitem übertraf. Ein Punk-Mixtape fand seinen Weg von Brace zu Beth (über die gemeinsame Freundin Kathy Mendoca, die später die erste Gossip-Schlagzeugerin werden sollte) und der Samen für eine nachhaltige Freundschaft und musikalische Partnerschaft war gesät.

„Wir hingen ziemlich viel miteinander herum”, erinnert sich Brace, seinerzeit ein aufstrebender lokaler Indie-Musik-Unternehmer, „ich veröffentlichte ein Tape ihrer Band Little Miss Muffet“. Kurze Zeit später zogen Beth, Brace und Kathy nach Olympia, Washington, wo sie zusammen in einem ‚Punkhaus’ lebten, in dessen Keller sie ihre Band gründeten.“

Von Anfang an hatten Gossip das Gefühl, etwas ganz Besonderes aus der Taufe gehoben zu haben. „Beth machte ihr Blues-Ding“, erinnert sich Brace, „aber es war ziemlich lo-fi. Wir machten nie Soundchecks. Alles war superlaut und verzerrt. Ich hatte null Ahnung, wie man Gitarre spielt. Und dann fanden wir schließlich unsere neue Schlagzeugerin…”

Mit Hannah Blilie an Bord war das Gossip-Line-Up komplett – bereit, in Aktion zu treten und einige Mauern nieder zu reißen. 2006 gelang dem jungen Indie-Trio mit „Standing In The Way Of Control“ schließlich der Durchbruch: das Album erreichte Platz eins der britischen Indie-Charts und Platz 22 der offiziellen UK-Albumcharts. Der Titelsong wurde im Zusammenhang mit der erfolgreichen Teenie-TV-Serie „Skins“ extrem populär.

Der Erfolg von „Standing In The Way Of Control” und die superheißen Gossip-Konzerte brachten Beth Ditto in Großbritannien bald den Status einer Stil-Ikone ein – der NME, der sie gleich viermal auf den Titel brachte, kürte sie zur „Coolsten Person im Rock“. Sie wurde mit dem Glamour-Award „2008 International Artist Of The Year” ausgezeichnet und landete auf dem Titel der ersten Ausgabe des „Love“-Magazins. Ruckzuck wurde sie zu den  gefragtesten Gästen im englischen Fernsehen. Europa, und allen voran die Briten, hatten Beth und die Musik von Gossip ab sofort auf dem Zettel.

Doch auch in Anbetracht zahlreicher surrealer Situationen, wie z.B. Gesprächen mir Karl Lagerfeld über Velvet Underground während der French Fashion Week, muss Brace zugeben: „Unser Leben hat sich lustigerweise nicht wirklich verändert. Wir leben immer noch in der gleichen Stadt.“ Doch auch wenn das tägliche Leben der Bandmitglieder von der ständig wachsenden Bekanntheit der Gruppe unbeeinflusst bleibt, bleibt die explosive Kraft ihrer Musik und der Adrenalin-Kick ihrer Live-Shows eine nie versiegende Quelle der Inspiration.

Seit ihrer Gründung bestritten Gossip zahlreiche Tourneen mit oder im Vorprogramm von verschiedenen Künstlern und Bands, wie z.B. Le Tigre, Chromatics, Tracy and the Plastics, Sonic Youth, Pre, YYY, Sleetmute Nightmute, Glass Candy, White Stripes, CSS, Pretty Girls Make Graves, Erase Errata, Stereo Total oder The Kills. Im Sommer 2007 fanden sich Gossip im Line-Up der „True Colors Tour“ wieder – zusammen mit einer Schar illustrer Namen wie Cyndi Lauper, Debbie Harry, Erasure, Rufus Wainwright, The Dresden Dolls, The MisShapes und The Cliks. Die Erlöse der Konzertreise kamen der „Human Rights Campaign” zu Gute.

Im Sommer desselben Jahres wurde Gossip die Ehre zuteil, das Glastonbury Festival zu beschließen. Beth Ditto nutzte die Gelegenheit, um den verstorbenen John Peel zu ehren. Während des Auftritts rief sie: „Ohne John Peel gäbe es keinen Underground!!!“. Bereits im folgenden Jahr wurde die Band wieder nach Glastonbury eingeladen.

2008 erschien mit „Gossip – Live In Liverpool” ein CD/DVD-Package, dass den wilden Auftritt der Band vom 9. Juli 2007, die rohe Kraft, Energie und Intensität ihrer Performance perfekt dokumentiert. Im April 2008 unternahm das Trio eine Mini-Tour durch die USA, die sie für einen kurzen, aber denkwürdigen Abstecher in die „Late Show with David Letterman” unterbrachen.

„Wir sind eigentlich immer auf Tour”, erklärt die Band. Dabei macht es für die Drei kaum einen Unterschied, ob sie nun kleine Indie-Clubs oder die ganz großen Festivals in Grund und Boden spielen. In den kommenden Wochen und Monaten stehen u.a. Auftritte beim „Big Weekend“ von Radio 1, sowie die Mega-Events Latitude, Leeds, and Reading auf dem Programm.

Wenn sie nicht gerade auf Tour sind, so treffen sich Beth, Brace und Hannah mindestens zweimal die Woche zum Proben. Es gibt einen Club in Portland namens „Dunes“, wo Brace Konzerte veranstaltet und auch oft selbst hinter den Plattenspielern steht. Außerdem hostet die Gruppe dort Post-Punk-Parties, u.a. die Underground-Soirée „Suicide Club“ (die z. Zt. allerdings pausiert), an die sich Brace gerne erinnert: „Wir legten Postpunk-Platten auf und projizierten Joy-Division-Videos an die Wand. Es kamen meistens nur dreißig Kids. Es war ein großartiger Club. Es gab allerdings kein Schild draußen, denn es war illegal.“

Mit den zwölf Songs „Music For Men“ bringen Gossip die Essenz ihres Sounds und ihrer Vision auf den Punkt: gefährlich, spannend und leidenschaftlich. Party like it’s 2012!!!

Tourdates:

18-11-2009      Köln, Palladium
19-11-2009     Offenbach, Stadthalle
25-11-2009     München, Tonhalle
26-11-2009     Berlin, Columbiahalle

http://www.gossipyouth.de

Quelle: Sony Music

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