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Interview mit Willem von Antillectual

Sonntag, 19. Dezember 2010 | By | Category: Top News

Welches sind die eurer Meinung nach aktuell schwerwiegendsten Probleme eures Heimatlandes, der Niederlande?

Willem: Ich denke, dass das größte Problem der Niederlande (aber auch Europas oder der Welt) lautet, dass sowohl Politiker als auch der Normalbürger die wirklich wichtigen Probleme nicht im Blick haben. Die Tagespolitik suggeriert doch, dass unser Land von einer Horde moslemischer Einwanderer überschwemmt wird, die uns in einem „Heiligen Krieg“ gewaltsam zum Islam bekehren wollen. Das widerspricht den Tatsachen.

Antillectual

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Das andere Riesenproblem ist das wirtschaftliche. Wenn es das Hauptziel unserer Wirtschaftsordnung sein sollte, Wohlstand den Massen zu bringen, warum müssen dann so viele Menschen von der Regierung unterstützt werden? Und warum werden die großen Firmen und Banken, welche die Krise zu verantworten haben, weiterhin unterstützt?

Ich denke, dass das Problem der ungleichen Verteilung des Wohlstandes in Holland und in der Welt, gemeinsam mit der Umwelt- und Klimathematik, einen höheren Stellenwert haben sollte.

Im Song „every crisis is a moral crisis“ thematisiert ihr die Weltwirtschaftskrise und dass der Kapitalismus letzten Endes gescheitert ist. Dies sei, nach eurer Meinung, aber auch die Chance des Neubeginns, der durch den Willen des Volkes bestimmt werden könne. Wie soll denn die Wirtschaftsform der Zukunft am besten aussehen? DieEinführung der Planwirtschaft, bei der es an vielen Gütern mangelt?

Willem: Ehrlich gesagt habe ich keine perfekte Alternative, da ich kein Fachmann der Ökonomie bin. Aber ein System, das mehr Wert auf das Wohlergehen der Menschen legt, wäre kein schlechter Start. Eine Wirtschaftsordnung also, in der Arbeiter am Profit ihres Unternehmens beteiligt und in der Massengüter ökologisch hergestellt werden. Es wäre durchaus von Vorteil, wenn wir in Zukunft weniger vom Öl und von tierischen Produkten abhängig wären.

Antillectual

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Aber das wird nicht passieren, wenn die Menschen nicht ihr Denken und Handeln verändern. Wenn wir weiter extrem billige Produkte kaufen und unseren Wohlstand nicht mit anderen teilen wollen, wird keine Regierung der Welt diese Ideale umsetzen.

Die USA, in der die Weltwirtschaftskrise begann, kommt bei euch auch nicht besonders gut weg. In „America´s worst role model“ thematisiert ihr die aus eurer Sicht industriefreundliche Vorgehensweise amerikanischer Politiker im Umgang mit Waffen, während der Umgang mit Sexualität allgemein moralisch verteufelt wird. Eigentlich keine neuen Erkenntnisse, warum also das Lied?

Willem: Nun, wenn all die Songs, in denen keine wirklich neuen Informationen verkündet werden, vom Markt verbannt würden, würden nicht mehr viele übrig bleiben.

Meiner Meinung nach ist es interessanter, Menschen über real existierende Themen zum Nachdenken zu bewegen und (vielleicht) ihre Meinung zu ändern, als ihnen meine Meinung aufzustülpen. Wenn Menschen selbständig über eine Sache nachdenken und sich eine eigene Meinung bilden, ist das nützlicher, als wenn sie die Meinungen anderer wiedergeben.

Auf der anderen Seite könnte man vielen Amerikanern ebenso zugute halten, dass sie Krisen motivierter und optimistischer als Europäer angehen. Dies könnte mit ihrer stark ausgeprägten Religiosität zu tun haben, aber eigentlich ist es doch eher sekundär, woher ein Mensch seine Kraft schöpft, wenn denn das Ergebnis seines Handelns stimmt und dem Allgemeinwohl dient. Woher nehmt ihr eigentlich eure Kraft, immer wieder gesellschaftskritische Lieder zu schreiben und gegen Missstände anzuschreien?

Antillectual

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Willem: Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich einen amerikanisch-europäischen Unterschied gibt. Amerikaner leben in der Tradition, Dinge selbst anzupacken, in der Gewissheit, dass ihre Regierung ihnen nicht helfen wird. Vielleicht auch aus religiösen Gründen, wenngleich Gottes Botschaften an die USA in der Vergangenheit nicht gerade optimistischer Natur waren.

Zu der anderen Frage, woher wir den Antrieb nehmen, wieder und wieder gegen die gesellschaftlichen Missstände unsere Stimme zu erheben: Wenn man in die Vergangenheit blickt und sieht, was nicht erreicht wurde und wo wir heute stehen, könnte man depressiv werden und zur Schlussfolgerung kommen, dass es keinen Sinn macht, politische Liedtexte zu schreiben. Wenn man dann allerdings die motivierten Menschen sieht, die die Dinge in die eigenen Hände nehmen und anpacken, dann inspiriert mich das und lässt mich an eine bessere Zukunft glauben.

Außerdem habe ich schon immer politische Songs und politische Songtexte gemocht. Ich könnte gar nicht über Freundschaft, Familie, Liebe oder sonstwas schreiben.

Kommen wir nun zu einem anderen, sehr aktuellen Thema, dem Umweltschutz. In Deutschland erlebt die Umweltbewegung u.a. durch die Verlängerung der AKW-Laufwerkzeiten ihre Renaissance. Welchen Stellenwert hat der Umweltschutz in den Köpfen der Niederländer?

Willem: Durch die Wirtschaftskrise sind die Umweltthemen in den Hintergrund geraten. Gegen die Ökonomie ist die Ökologie uninteressant. Subventionen für nachhaltige Kapitalanlagen werden zurückgefahren. Grün leben wird mehr und mehr zum Hobby der reichen Oberschicht, die es sich leisten kann. Zu der gehören aber nicht sehr viele Menschen.

Insbesondere die Atomkraft wird wieder „interessanter“, weil sie als billige Alternative zu den natürlichen Ressourcen wie Erdgas, Kohle und Öl angepriesen wird. Viele Befürworter der Kernenergie machen sich jedoch keine Gedanken über den radioaktiven Abfall, für dessen Endlagerung noch immer keine Lösung gefunden wurde.

Ich denke, dass das eine ziemlich beschränkte und kurzsichtige Sicht der Dinge ist.

Antillectual

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Auf eurem Album „start from scratch“ habt ihr mit dem Song „some of my best friends are meat eaters“ eine Hymne für alle Vegetarier und Veganer geschrieben. Unter dem Songtext ist jedoch eine Anmerkung von euch verfasst, die darauf hinweist, Fleischesser nicht als schlechtere Menschen aufgrund ihrer Ernährungsweise einzustufen. Eine Absage also an alle extremen Tierschützer?

Willem: Nein, nicht an alle. Der Song gilt als Unterstützung der vegetarischen oder veganen Lebensweise. Und damit unterstützt es auch Tierschützer, die sich genauso für bessere Lebensbedingungen von Tieren einsetzen. Wir von „Antillectual“ leben vegetarisch bzw. vegan  und deswegen war es einleuchtend, solch einen Song zu schreiben.

Andererseits möchte ich nicht meine Überzeugungen anderen aufdrängen. Obwohl ich den vegetarisch-veganen Lebensstil als richtig und gut betrachte, denke ich, dass es eine persönliche Entscheidung ist, so leben zu wollen.

Das Lied beschreibt meine Ansicht, wonach Vegetarier und Veganer den besseren Lebensstil pflegen, dieser sie jedoch nicht automatisch zu besseren Menschen macht. Ich vertrete keinesfalls die Ansicht, dass ein veganer Mörder ein besserer Mensch als ein normal lebender „Fleischesser“ ist.

Zum Schluss würde mich noch interessieren, wie in den Niederlanden mit dem Thema „Rechtspopulismus“ umgegangen wird? Diese Frage brennt mir auf den Nägeln, weil auch in Deutschland seit einiger Zeit ein statistisch nachweisbarer Rechtsruck v.a. bei den Besserverdienenden stattfindet.

Willem: Wie ich zu Beginn des Interviews bereits erwähnte, sind die Rechten mit ihren rechtspopulistischen Ansichten in den Niederlanden, aber auch in anderen Ländern der „westlichen Welt“ präsent und auf dem aufsteigenden Ast.

Viele Menschen sind durch die Zuwanderung aus Asien und Afrika verunsichert und befürchten, dass Europa sich dadurch negativ verändern wird. Persönlich bin ich aber der Meinung, dass diese Zuwanderer ein Recht darauf haben, an unserem Wohlstand teilzuhaben.

Und ehrlich gesagt glaube ich auch, dass das Ganze ein Hype ist, der von den Rechtspopulisten ausgenutzt wird, um die Menschen zu verängstigen und ihre Stimmen bei den nächsten Wahlen zu bekommen.  In 10, 20 oder 50 Jahren wird es keine Probleme im Bezug auf die Integration mehr geben, weil dann alle gemeinsam in einer globalen Kultur leben werden. Ich weiß zwar nicht, ob ich das reizvoll nennen möchte, aber die Integration bzw. Nicht-Integration von Menschen wird dann nicht mehr das Problem sein.

Wie geht ihr als Band, aber auch als niederländische Bürger mit dem Thema „Rechtspopulismus“ um und wie sind die Reaktionen eurer Umwelt darauf?

Willem: Als Band thematisieren wir den Rechtspopulismus in unseren Songs (z.B. „The new jew“). Wir haben derzeit die schlechteste Regierung seit Ewigkeiten und es gibt reichlich Dinge, gegen die wir ankämpfen. Hoffentlich werden die Menschen ihre Meinung ändern und verstehen, dass die Probleme, die von den Rechtspopulisten propagiert werden, nicht die wahren Probleme sind. Und dass ihre Lösungen auch keine echten Lösungen sind.

Als Bürger dieses Landes habe ich für eine linke Partei gestimmt, die unsere rechtsgerichtete Regierung hoffentlich beschwichtigen kann. Und ich denke, dass es wichtig ist, immer und immer zu wiederholen, dass die rechte „Führung“ eines Landes nicht ok ist. Das kann mithilfe der Medien geschehen, indem man z.B. Online-Petitionen unterzeichnet, aber genauso gut im Gespräch mit anderen Mitmenschen im Supermarkt oder sonstwo.

Recht herzlichen Dank für die informativen Antworten.

Interview mit Antillectual by Sven Dehoust / track4 webzine
(connected w. track4you webradio)

http://www.antillectual.com

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