RSS Feed abonnieren


Karnivool – „Sound Awake“ – VÖ: 05.03.2010

Samstag, 9. Januar 2010 | By | Category: Top News

Als die fünf Musiker aus Perth im April 2005 mit einem Album namens „Themata“ erstmals auf der Bildfläche erschienen, waren zwei Dinge sofort augenfällig. Erstens hatten Karnivool eine Platte abgeliefert, die die Latte für Heavy Rock in Australien auf einen Schlag extrem hoch legte – und das auf Jahre hinaus. Und zweitens war klar, dass Karnivool erfolgreich sein würden. Verdammt erfolgreich.

"Sound Awake" (c) Sony Music

"Sound Awake" (c) Sony Music

Einerseits prachtvoll und hymnisch, andererseits aber auch progressiv in jedem Wortsinn, war „Themata“ reich an Bombast-Rock-Momenten, elektrisierender Glückseligkeit, kombiniert mit virtuosen Gitarrenpassagen, innovativem Riffing, experimentell gestimmten Instrumenten,  verblüffender Taktierung und Gänsehaut-erzeugenden Melodien. Auch live war die Band einzigartig. Als absolutes Trumpfass entpuppten sich dabei die charismatische Bühnenpräsenz und die meisterhaften, gesanglichen Fähigkeiten von Frontmann Ian Kenny.

In den folgenden Jahren tourte die Band fleißig, trat überall in Australien in ausverkaufen, großen Hallen auf und erspielte sich schnell eine eingeschworene Fan-Gefolgschaft. 2007 wurde die Band in Perth bei den „WAMi Awards“ fünfmal ausgezeichnet: in den Kategorien „Most Popular Act”, „Most Popular Live Act”, „Best Male Vocalist” (Ian Kenny), „Best Guitarist” (Drew Goddard) und „Best Hard Rock Act”. Bei diversen großen Rockfestivals down under war die Band der unumstrittene Publikumsmagnet. Und nach mehr als 32.000 verkauften Exemplaren schlossen Karnivool einen internationalen Lizenz-Deal ab, der eine Veröffentlichung des Longplayers in den USA, Großbritannien, Kanada und Mexiko über das Label „Bieler Bros“ vorsah. Plötzlich war die kleine Prog-Rock-Band aus Perth einer der größten Acts ihres Kontinents.

Mit ihrem zweiten Album hatte sich die Band der Herausforderung zu stellen: Vier lange Jahre waren seit dem genialen Debütalbum ins Land gegangen und die Fans dürsteten nach mehr ‘Vool-Material. Aber wenn deine erste Platte so verdammt gut war, ist die große Frage, die über allem schwebt: „Wie geht es jetzt weiter?“. Ein Problem, dem sich die Musiker mehr als bewusst waren.

"Sound Awake" (c) Sony Music

"Sound Awake" (c) Sony Music

Ende 2008 wagte sich die Band schließlich an die Aufgabe und engagierte erneut den genialistischen Produzenten Forrester Savell, unter dessen Regie bereits „Themata“ entstanden war. Er sollte nun auch das neue Album „Sound Awake“ produzieren. Savell hatte zwischenzeitlich u.a. die hoch gelobten Veröffentlichung von The Butterfly Effect und Dead Letter Circus betreut und sich den Ruf einer Koryphäe in der aufstrebenden australischen Prog-Rock-Szene erarbeitet.

„Da musste man nicht lange nachdenken – Forrester war der einzige, der für diesen Job in Frage kam“, erklärt Sänger Ian Kenny. „Als die Entscheidung gefallen war, ihn bei uns aufzunehmen, haben wir uns komplett auf ihn verlassen. Er sollte sich die ganz schweren, schwarzen Stiefel anziehen und alle in den Arsch treten. Und das tat er auch. Außerdem hat’s der Typ musikalisch einfach drauf – er ist wie der ‚Cleaner’, der an den Tatort kommt und aufräumt. Ein extrem talentierter Mann, dessen Ohren wir sehr schätzen.“

So verkrümelten sie sich für einige Monate in die Blackbird- und Kingdom-Studios in Perth, später mischte die Band im berühmten „Sing Song Studio“ in Melbourne. Es war ein mühseliger und anstrengender Aufnahme-Prozess. Anders als bei „Themata“ – ein Album, dass größtenteils der Vision von Gitarrist Drew Goddard entsprungen und eine sehr streng konzipierte und in sich verwoben produzierte Platte gewesen war, die Stück für Stück zusammengesetzt wurde – hatte sich die Band diesmal die Schaffung eines  kollektiven Werkes vorgenommen. Also schrieben sie als Einheit, jammten ihre Ideen und entwickelten diese mit Improvisationen weiter. Anschließend analysierten, experimentierten, überdachten, kürzten, überarbeiteten, testeten und untersuchten sie jede Kleinigkeit jedes einzelnen Taktes. Aber warum zum Henker dauerte das so lange? „Wir sind eben furchtbar pedantische, zwanghaft besessene Songwriter“, schmunzelt Gitarrist Mark ‘Hoss’ Hosking, „wir tüfteln noch an Sachen herum, die wir schon vor langer Zeit in Ruhe hätten lassen sollen. Doch das ist die Art und Weise, wie Karnivool eben arbeitet – wir lassen Dinge nicht einfach so, wenn wir das Gefühl haben, wir könnten daran noch etwas verbessern. Es ist nicht unsere Art, aus Bequemlichkeit irgendwelche Abkürzungen zu nehmen.“

„Niemand wollte ‚Themata’ einfach nur wiederholen“, ergänzt Bassist Jono Stockman, „die Songs auf ‚Sound Awake’ durchliefen extrem viele Entwicklungsstufen und Veränderungen, dass die Zeit für diesen Prozess einfach notwenig war.“

„Es hat so lange gedauert, weil wir unsere Ziele von Anfang an extrem hoch gesteckt haben“, sagt Drew. „Wir wollten uns ganz bewusst selbst fordern, darum wurde es ein langer, zermürbender Prozess. Es war so eine Mischung aus mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand und seltenen Momenten purer Freude, wenn dann alles zusammen passte. Es war in vielerlei Hinsicht kein Standard-Ablauf. Es gab keine Vorproduktion, kein Finalisieren von Strukturen oder so. Wir begannen den Aufnahmeprozess mit vielen unfertigen Songs, wir waren noch am Schreiben und Zusammenstellen. Es war recht haarig, um ehrlich zu sein, eine Produktion mit diesen ganzen losen Enden zu starten.“

"Sound Awake" (c) Sony Music

"Sound Awake" (c) Sony Music

„Es liegt in unserer Natur, jeden erdenklichen Weg auszuprobieren, um das beste Ergebnis zu erzielen“, sagt Kenny. „Das Album zu schreiben war wie fünf erhitzte musikalische Geister, die sich zur Fütterungszeit um einen Trog balgen, man stößt zwangsläufig mit den Köpfen zusammen – es braucht einige Zeit, bis man sich da durchgearbeitet hat.“

„Wir wollten mehr Tiefe“, fährt Drew fort, „dies war das erste Mal, dass wir ein Album als Band schrieben und jeder seinen Beitrag leistete, mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen. Es war ein grundlegendes Ding – einen Weg zu finden, die Sache klanglich in Angriff zu nehmen und dabei mehr Farben, mehr Struktur und Dynamik zu erreichen. Ich persönlich mag Alben, die man nicht vom ersten Moment an liebt, sondern bei denen einen etwas fasziniert und es bei jedem Hören wächst. So eine Art Album bewusst zu schreiben, ist allerdings sehr schwierig. Es ist nahezu unmöglich, denke ich, einen Song zu schreiben, den man nicht sofort versteht, sondern erst mit der Zeit lieben lernt. Aber es ist uns zu einem Gutteil auf ‚Sound Awake’ gelungen.“

„Auf dem Album ist extrem viel Raum“, erklärt Kenny, „die ganze Sache ist eine große Reise und wir begaben uns oft auf unbekanntes, unberechenbares Terrain. Der schwierigste Teil war, im Studio einfach alles seinen Gang gehen zu lassen. Einfach loszulassen, verstehst du? Wir hatten das Gefühl, wir haben das Kommando über ein Schiff, dass wir durch sehr, sehr unruhige See steuern müssen. Doch so fragmentiert und heikel dieser Prozess auch war, es kam alles irgendwie zusammen.“

Er liegt damit nicht falsch. Das Ergebnis, so intuitiv und zweifellos meilenweit entfernt von „Themata“, ist ein ausufernde Opus. „Sound Awake“ ist ein Album, das sich auf Umwege begibt und dann wieder verweilt, auf dem jedes Stück seinen eigenen Weg geht, ungeachtet von Konventionen und traditionellen Strukturen. Betrachtet man das Spektrum vom gigantischen Bass-Brummen des Album-Openers „Simpleboy“ („der Basssound ist wie eine Kreissäge, den man durch einen Elefantenfriedhof schleift“, scherzt Jono), bis zum taumelnden Groove und Jazz-Metal-Flavour von „Goliath“, wird sofort klar, das Karnivool hier eine Schippe draufgelegt haben, sowohl musikalisch als auch klanglich. Ian Kenny ist fraglos einer der besten australischen Sänger, seine hohe, gefühlsgeladene Stimme schwebt über dem Song „New Day“ und verleiht Karnivools epischem Songwriting Flügel.

Die spastische Punk-Prog-Fusion der ersten Single „Set Fire To The Hive“ mit ihrem Stakkato-Riff, Hornissennest-haften Gitarrenmotiv und verrückte Chor, ist für die Band völliges Neuland. Ebenso die weitläufige, abgefahrene Atmosphäre von „Umbra“. Mit einem mächtigen Power-Refain ausgestattet, werden auf „All I Know“ geschmeidige Gitarren-Riffs vor einer Brandung überlappender Delays miteinander verwoben, bevor das schaurig-melancholische Falsett von „The Medicine Wears Off“ – quasi als Zwischenakt – die zweite Hälfte von „Sound Awake“ einläutet. Mit „The Causal Lure“ und „Illumine“ lässt die Band zwei ihrer umwerfendsten Beispiele ihrer musikalischen Zauberkunst auf den Hörer los: beide enthalten komplexe Riff-Algorhythmen, ergeben jedoch jeweils durch Kennys verblüffende Melodien letzten Endes wieder Sinn. Anschließend entfaltet sich das gewaltige, zehnminütige Epos „Deadman“ in spektakulär steigernder Weise. Dann greifen Karnivool „Themata’s Change: Part One“ auf, das sie unter Zuhilfenahme eines finsteren Xylophons frei überarbeiteten und den Boden bereiten für den abschließenden Höhepunkt des Albums: das donnernde „Change: Part Two“. Zu Kennys kryptischem Mantra „Hello, hollow, halo“, das einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt, windet sich der Song durch eine Unzahl von  Dynamikwechseln, vom bis-zum-Anschlag-Riff-o-Rama-Wahnsinn bis zum zerklüfteten Schrammeln einer Akustik-Gitarre.

Auf den Punkt gebracht ist „Sound Awake“ eine kaleidoskopisches, multidimensionales Meisterwerk. Es ist eine Platte, die die Leute umblasen wird. Savells Produktion lässt nur annähernd adäquat als „unglaublich“ beschreiben. Im Gegensatz zum wesentlich klinischeren, Hookline-überladenen „Themata“ brennt „Sound Awake“ nachhaltiger. Es ist ein ‚Grower’. Hatte die Band beim Debüt seine Fans noch mit mitreißenden Riffs und unentrinnbaren Refrains gnadenlos eins übergebügelt, ist der Follow-Up ein wesentlich technischeres, progressives Werk, in der Karnivool den Hörer langsam aber unbarmherzig hineinsaugt. Sollte dies einige der Anhänger irritieren, die eigentlich nur auf den nächsten fetten Riff oder hymnische Hookline warten, so ist das ein Risiko, das die Band ganz bewusst eingegangen ist.

"Sound Awake" (c) Sony Music

"Sound Awake" (c) Sony Music

„Ich habe neulich erst gesagt, ‚Themata’ ist ein ‚Album der Hooklines’, während ‚Sound Awake’ ein ‚Album der Verlockungen’ ist“, lacht Jono. „Wir hatten uns nie vorgenommen, progressiv oder technisch zu sein, das hat sich alles aus dem Jammen und der Spontanität ergeben. Erst, als wir alles zusammen gefügt hatten, wurden uns selbst die Feinheiten bewusst.“

„Das ist Album ist zwar ‚heavy’, aber nicht im Sinn von traditionellem ‚Heavy Metal’ oder ‚Heavy Riffing’ – es ist viel mehr emotional ‚heavy’“, sagt Drew, „es lastet auf dir. Ich denke, wir haben ein paar Emotionen geweckt, die wir vorher nicht zwangläufig empfunden hatten und begaben uns in Bereiche, wo wir uns nicht wohl fühlten. Aber ich denke, das macht gute Musik aus. Aber um weiter in diese Richtung zu gehen, mussten wir uns von den großen Riffs und dem ‚Wohlfühl-Faktor’ verabschieden, der auf ‚Themata’ vorhanden war.“

„Das Album war wirklich eine Herausforderung“, pflichtet Hoss bei. „Es ist nicht die Art von Musik, die man im Hintergrund in einem Café hört. Sie umfasst ein großes Spektrum und verlangt dem Hörer maximale Aufmerksamkeit ab. Und ich glaube, das ist auch genau der Grund, warum das Album Karnivool-Fans gefallen wird. Wir sind keine Band, die Songs schreibt mit einem Plan im Hinterkopf.“

„Es war schon schwierig genug, uns selbst zufrieden zu stellen, ganz zu schweigen, andere Menschen glücklich zu machen, indem wir einen ‚Hit’ schreiben“, erklärt Drew offen. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wenn es uns gelingt, alle in der Band zufrieden zu stellen, können wir optimistisch sein, dass es da draußen Menschen gibt, die es auch mögen werden.“

Der erste Song, mit der die Band in Australien ans Radio gingen, mit dem Titel Set Fire To The Hive klingt nicht nur wie kein anderes Stück des Albums, sondern auch wie nichts, was die Karnivool jemals zuvor veröffentlicht haben: rougher Uptempo-Prog-Punk mit verzerrtem  Gesang, den Kenny mit der gebotenen Giftigkeit abliefert. „Als Musiker mochte ich es noch nie, Songs aus einer bequemen Position heraus zu schreiben, weil dabei immer Musik herauskommt, die bequem klingt. ‚Set Fire To The Hive’ ist ein Song, den wir in einer eigenartigen Stimmung schrieben, als wir alle sehr von Band-externen Sachen frustriert waren. Und das kann man in dem Song hören – es ist, als wenn wir alle ‚FAAAARK!!’ schreien. Es definitiv der derbste Moment auf dem Album, das schwarze Schaf unter den Songs.“

"Sound Awake" (c) Sony Music

"Sound Awake" (c) Sony Music

„In dieser Stimmung kam die Band auch auf den Titel ‚Sound Awake’“, erläutert Kenny. „Mit der Platte haben wir alles in Frage gestellt, denn wenn wir damit aufhören, sind wir am Arsch. Der Begriff ‚Sound Awake’ kam von der Vorstellung, in einer Umgebung wach zu bleiben, in der so einfach ist, abzuschalten. Der Titel steht auch dafür, dass es eine Herausforderung ist, die Platte in einer Sitzung durchzuhören – das wird für einige Leute eine ziemliche Prüfung. Das ist ein ziemlicher Brocken, den man nicht so leicht runter bekommt.“

Hat die Band möglicherweise einen guten Tipp für ihre Fans, wie man sich dem widerborstigen Biest nähern kann? „Mit diesem Album wollten wir uns herausfordern, nicht nur als Einzelpersonen, sondern als Kollektiv“, sagt Hoss. „Wir sehen es als einen großen Schritt im Verhältnis zu ‚Themata’, in eine Richtung, die wir einfach einschlagen mussten. Es ist ein großer Schmelztiegel, in dem sich alle unsere Ideen auskristallisieren. Ich hoffe wirklich, dass die Menschen es mögen. Es ist ein Epos.“

Drew muss bei der Frage schmunzeln: „Ich finde es einfach nur großartig, dass wir das Album endlich im Sack haben. Das nimmt ein wenig Last von meinen Schultern. Wie weit sich die Leute darauf einlassen wollten, ist allein ihre Sache.“

„Unsere Fans sind ziemlich loyal“, erklärt Schlagzeuger Steve Judd. „Wir haben seit vier Jahren nichts mehr veröffentlicht und die Leute strömen immer noch zu unseren Konzerten, deshalb bin ich zuversichtlich, dass ihnen das Album gefallen wird. Wir werden sehen.“

Kenny denkt eine Sekunde nach, bevor er antwortet. „Dieses Album wird einem auch in Zukunft immer wieder etwas geben. Jeder Track hat eine unglaubliche klangliche Tiefe und ich höre immer noch so viele Untertöne und die Gründe, warum jeder Song so klingt, wie er es jetzt tut. Man sollte mit einem neuen Album immer seine Hörer fordern. Gib ihnen etwas Neues, etwas Anderes, etwas Inspirierendes, denn wenn du dich in solchen Sphären bewegst, bist du immer dein Geld wert.“

Das letzte Wort soll aber Bassist Jono vorbehalten sein: „Dreht auf! LAUT!!“.


Karnivool – im März auf Tour

http://www.myspace.com/karnivool

www.karnivool.com.au

Quelle:  Sony Music

Tags:

Leave Comment