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Lissie – „Catching A Tiger“

Dienstag, 1. Juni 2010 | By | Category: Top News

Auf den ersten Blick kann es durchaus passieren, dass man ein völlig falsches Bild von Lissie bekommt. Mit Leichtigkeit kann man die schlanke, blonde, hübsche Gitarristin für ein ganz normales, niedliches Mädel aus dem mittleren Westen halten, eine sommersprossige Liedermacherin aus dem Land der Milch, der Kekse und der Kornfelder. Doch mitnichten. Trotz ihrer flachsblonden Haare und den großen blauen Augen, die einen durch und durch harmlosen Eindruck erwecken, ist dieses Girl smart und tough, und verfügt über eine außergewöhnliche Stimme: ein Organ wie Stevie Nicks, die Neko Case beim Schlawittchen packt, das nach verrauchtem Lagerfeuer und Bourbon klingt – und ganz zweifellos nur das Resultat von zehn Jahren Bier- und Zigaretten-Konsum sein kann.

Lissie (c) Sony Music

Lissie (c) Sony Music

Geboren wurde Lissie in Rock Island, Illinois, einer der „Quad Cities“ am Ufer des Mississippi. Die Stadt lieferte die Inspiration zum Lonnie-Donegan-Klassiker „Rock Island Line“ und brachte den Jazz-Musiker Bix Beiderbecke hervor. Es ist die Gegend der  Springfluten, der Pick-Up-Trucks und der echten Arbeiter-Country-Musik. „Die Leute wollen oft diese Seite von mir in den Vordergrund stellen“, sagt Lissie, „aber wir saßen nicht auf unserer Veranda herum und feierten ein Volksfest, als wir das Album schrieben.

In meiner Jugend hörte ich Gangster-Rap, wie Millionen von anderen Teenagern in Amerika auch. Viele von diesen Sounds und Erfahrungen haben mich beeinflusst und meine Musik inspiriert.“

Lissie war schon immer das musikalischste Familienmitglied. Ermutigt durch ihren Großvater, einen ehemaligen internationalen „Barbershop Quartett“-Sänger (und Champion!), sang sie in ihrer Lutheraner-Gemeinde, trat allerdings nie dem Chor bei. Später nahm sie an Auditions der örtlichen Theatergruppe teil und mit neun landete sie ihre erste Hauptrolle in der achtzig Termine umfassenden Inszenierung von „Annie“. „Ich hab immer vor mich hin gesummt und mir diese kleinen Songs und Melodien ausgedacht“, erinnert sie sich, „außerdem verfasste ich Gedichte, passend zur Musik. Wenn ich schlecht drauf war, tröstete und beruhigte mich schon alleine das Vibrieren beim Singen.“

Lissie war aber auch der Rabauke in der Familie. Ärger und Probleme begleiteten sie auf Schritt und Tritt. In der sechsten Klasse färbte sie sich die Haare mit Tinte, sie schwänzte die Schule, widersprach den Lehrern und wurde einmal sogar von der Highschool geschmissen, weil sie einer Lehrkraft ins Gesicht gespuckt hatte. „Ich hatte das Gefühl, dass die Leute nicht wussten, was sie mit mir anfangen sollten, und sie versuchten, mein Temperament zu unterdrücken, was der aufmüpfigen Ader in mir nur noch mehr Auftrieb gab“, erklärt sie. „Und genau das brachte mich dazu, meine Ideen den allgemeinen Konventionen zu entziehen.“ Und während sie so vor sich hinsummte und Songs verfasste, brachte sie sich selbst ein paar Gitarren-Akkorde bei. Sie schrieb über die Mädchen, die sie mies behandelten und die Jungs, die sie runtermachten und all die Schrammen, die sie in dieser Zeit abbekam. Sie spielte ihre Songs laut im Café, in dem sie arbeitete und träumte von großen Städten und davon, den winzigen Ort im mittleren Westen verlassen zu können.

Ein Studium an der Colorado State University war Lissies Plan B, ein kurzer Abstecher in die Hochschul-Welt, wo sie allerlei Vorlesungen besuchte, von Geologie über Sprachen bis zu Anthropologie. Dabei vernachlässigte sie ihre Musik allerdings nicht, verfeinerte ihre Songs, trat als Headliner im örtlichen Theater auf und nahm einen Track mit einem lokalen Electronic-DJ auf, der irgendwie den Weg ins Fernsehen fand und als Soundtrack der Serien „OC, California“, „Veronica Mars“ und „Dr. House“ zum Einsatz kam. Lissie verbrachte ein Semester in Paris, lernte Französisch und Fotografieren, schrieb und spielte weitere Songs und als sie aus den USA zurück kehrte, beschloss sie, die Uni komplett hinzuschmeißen, nach Los Angeles zu ziehen und tatsächlich einen Versuch zu starten, Karriere als Musikerin zu machen.

Lissie - Foto: Valerie Phillips

Lissie - Foto: Valerie Phillips

In Los Angeles trat sie zwangsläufig in Bars auf, sowohl im Rahmen von Showcases als auch auf regelmäßiger Basis, an manchen Abenden bestand das Publikum allerdings gerade mal aus einer Person. Im Frühjahr 2006 rief sie dann ihren eigenen Abend, die „Beachwood Rockers’ Society“, ins Leben – zusammen mit einem befreundeten Musiker in Crane’s Hollywood Tavern.

Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich mit dem Verteilen von Restaurant-Flyern und als Honigverkäuferin – jeden Sonntag auf dem örtlichen Bauernmarkt. „Unbehandelter Honig“, erinnert sie sich, „mein Spruch war: ‚Haben Sie schon einmal den wohlschmeckendsten Honig der Welt probiert? Er wurde weder erhitzt, noch gerührt, noch geschleudert oder anderweitig behandelt!“

Nach und nach kam eins zu anderen: zusammen mit ihrem Freund Bill Reynolds von der Band Of Horses nahm sie eine EP mit fünf Stücken auf, die den Namen „Why You Runnin’” erhielt und in den USA im vergangenen Jahre einen mittleren Hype erzeugte.

Sie fuhr nach Nashville, um mit Produzent Jacquire King aufzunehmen, der gerade seine Arbeit mit den Kings Of Leon beendet hatte. „Manchmal war er schwierig, sich ein Bild über das Ganze zu machen; wie er sich das Feeling und den Sound vorstellte“, gibt Lissie heute zu, „aber heute ich bin stolz darauf, was dabei heraus gekommen ist und ich schaue nach vorn auf den Weg, der vor mir liegt.“

Was dabei heraus kam, war der Großteil der Songs ihres Debütalbums „Catching A Tiger”, dessen elf Stücke von bluesigem Folk bis hin zu straightem Pop reichen und ihre bemerkenswerte Stimme als auch ihren Stil als Songwriter demonstrieren.

Lissie - (c) Sony Music

Lissie - (c) Sony Music

Nachdem sie Los Angeles hinter sich gelassen hatte, verbrachte sie einige Zeit in London und Tennesse, und sehnte sich ein wenig nach ihrer Heimat Illinois. Ihr gelang es, eine lange und schwierige Beziehung zu beenden und ad acta zu legen und zog nach Ojai, Kalifornien, eineinhalb Stunden nordöstlich von LA. Dort mietete sie sich ein Haus, das sie nie gesehen hatte, in einer Stadt, in der sie nie zuvor gewesen war, einzig und alleine, weil sie im Flugzeug neben jemandem gesessen war, der sagte, es sei dort schön. Es sollte sich herausstellen, dass es ihr in Ojai wirklich gefiel.

„Es geht dort sehr langsam zu, alle Geschäfte schließen sehr früh und nachts kann man die Sterne sehen. Direkt vor meiner Haustür liegen die Berge und es ist sehr ruhig. Deshalb kann ich eine Menge erledigen und habe trotzdem noch jede Menge Zeit für mich selbst – und das ist essentiell notwendig, damit ich funktioniere.

Wenn ich Abwechslung und Aufregung will, kann ich jederzeit nach LA fahren. Ausgehen und unter Menschen sein ist ebenfalls sehr wichtig für mich. Ich wollte nicht planen oder Verantwortung für jemand anderen haben. Es ist wirklich genau der Ort, den ich gebraucht habe.”

„All diese Dinge“, sagt sie und meint damit sowohl ihren Umzug nach Ojai als auch ihre Musik, „mache ich, ohne darüber nachzudenken. Vieles geschah rein zufällig. Es beruht auf Instinkt und ist einfach natürlich. Ich trage bei Fotoshootings ja nicht einmal Concealer, denn ich will ja nicht aussehen, als wenn jemand mir das Gesicht angemalt hat. Ich möchte, dass sich alles, was ich tue, natürlich anfühlt. Ich möchte, dass es mir etwas bedeutet und wenn es nicht natürlich rüberkommt, dann geht das nicht. Ich kann nicht schauspielern und ich bin auch nicht gut im So-tun-als-ob.“

Genau das ist vermutlich der Knackpunkt bei Lissie: sie ist straight, ungekünstelt und redet nicht lange um den heißen Brei herum. „Jetzt, wo ich älter bin, erkenne ich den kleinstädtischen Midwesterner in mir und kann ihn akzeptieren“, sagt sie, „mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. Es ist oft nicht allzu taktvoll oder cool, aber es gibt einfach keine Falschheit. Es ist ziemlich direkt. Und ich bin direkt. Ich verberge nichts.” Sie nimmt einen Schluck Bier und nimmt sich eine neue Zigarette. „Ich weiß nicht genau, was oder warum oder wer ich bin“, sagt sie, „aber ich weiß noch viel weniger, wie ich anders sein könnte, als ich in Wirklichkeit bin.“

So ist Lissie: nicht erhitzt, gerührt, geschleudert oder anderweitig behandelt.

Laura Barton

http://www.myspace.com/lissiemusic

http://www.lissie.com/

Quelle: Sony Music

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